Dorfflair mitten in Wien

Seit Dezember 1999 bietet die autofreie Mustersiedlung in Wien Floridsdorf zirka 700 Menschen in 244 Wohnungen ein Zuhause. Doch die autofreie Siedlung ist nicht bloß irgendeine Siedlung… was sie besonders macht, ist - neben dem bewussten Verzicht auf Autos - die Community.

Von Natalia Anders
Am
Lesezeit 5 Min

Fitnessstudio, Sauna, Kinderspielräume, Dachbeete, Werkstätte oder Waschküche. Dadurch, dass die autofreie Siedlung bewusst auf Autos und deren Garagenplätze verzichtet, konnte der freie Platz und das übriggebliebene Geld in Veranstaltungs- und Gemeinschaftsräume fließen. Doch ist denn jede*r Siedlungsbewohner*in dazu verpflichtet, tatsächlich nie Auto fahren zu dürfen? Eine Klausel des Mietvertrags besagt, dass man als Bewohner*in der autofreien Siedlung kein Auto besitzen und kein Auto auf längere Zeit regelmäßig fahren darf. Diese musste vorm Einziehen unterschrieben werden. Für diejenigen, die einmal doch auf ein Auto angewiesen sein sollten, bietet die Siedlung ein internes CarSharing an.

Freundschaftliche Distanz und respektvolle Nähe

Christof Kriegshaber wohnt seit seiner Pensionierung 2003 in der autofreien Siedlung. Innerhalb der Mustersiedlung existieren einige Gemeinschaftsräume, wie der Veranstaltungsraum, das Fitnessstudio oder auch die Werkstätte. Vor allem die Werkstätte ist für Christof Kriegshaber besonders wichtig, weil er gerne bastelt und so in seiner Rente eine Tätigkeit gefunden hat, die ihm Spaß macht.

Solche zusammen benutzten Räume fördern den Gemeinschaftsgeist, weil Leute, die Interessen teilen, zusammenkommen und sich gegenseitig helfen können. Außerdem gibt es Veranstaltungen, wie die Kinderwerkstätte, die den jüngeren Bewohner*innen beibringt, wie man mit Werkzeug umgeht.

Doch nicht nur der gemeinschaftliche Umgang ist wichtig, sondern auch Nachhaltigkeit. 450 Quadratmeter Sonnenkollektoren für Solarenergie und eine Schmutzwasser-Wärmerückgewinnung sorgen neben den Gartenanlagen und dem Biotop dafür, dass man, sobald man die Siedlung betritt, das Gefühl hat, man sei nicht mehr in Wien. Das gefällt auch Lily, die seit diesem Sommer unter der Woche in der Innenstadt wohnt und die Mustersiedlung nur mehr am Wochenende besucht.

„Wie eine große Familie“

An das Spielen mit den anderen Kindern im Hof erinnert sie sich gerne zurück. Jetzt als Jugendliche ist es schwieriger, Zeit mit Altersgenoss*innen zu verbringen. Viele ihrer Freund*innen sind schon ausgezogen - um einige Gemeinschaftsorte wie zum Beispiel den Beachvolleyballplatz kümmert sich deshalb keiner mehr. Besonders schätzt Lily, dass alle ihre Freund*innen immer an einem Fleck waren, jede*r war immer auf Abruf.

Seitdem sie in die Stadt gezogen ist, fehlt ihr am meisten das Grüne, der Ausblick auf die Felder und die Alte Donau, die in Reichweite ist.

„Wenn es um Community geht, ist die autofreie Siedlung nur eine von vielen Möglichkeiten.“

Sabine ist Mitglied des KOKOS-Vereins zur Förderung der Kommunikation und Kooperation unter den Bewohner*innen. Die Motivation des Vereins ist es, so viele Veranstaltungen wie möglich zu planen und auch andere Leute zu ermutigen, diese mit zu organisieren. Feste und Veranstaltungen wie das Siedlungsfest, die Flohmärkte, der Silvesterpfad oder die Adventcafés haben schon einen fixen Platz im Siedlungsleben und sind gar nicht mehr wegzudenken. Außerdem sollen die Veranstaltungen, das Organisieren und das miteinander Kooperieren für eine bessere Lebensqualität innerhalb der Siedlung sorgen. Eine gute Basis für eine Community ist ein gemeinsames Ziel, wie in diesem Fall die Autofreiheit, an dem alle zusammenarbeiten können.

„Ich muss mich nicht um Winterreifen kümmern, ich muss mich nicht ums Parkpickerl kümmern, ich muss mir keine Sorgen machen, ob sich das am Monatsende ausgeht…“

Dass ein kompletter Verzicht auf Autos möglich ist, zeigt auch ein Bewohner, der sogar die Übersiedlung mit seiner Familie auf dem Rad organisiert hat. Zirka zwanzig bepackte Fahrräder waren für den Umzug unterwegs, darunter auch ein DJ-Rad, das für gute Stimmung sorgte. Nach dem erfolgreichen, autofreien Umzug, wurde natürlich auch gebührend gefeiert.  

 

Ein besonderer Dank geht an die tatkräftige Unterstützung von Brigitte Schagerl

Von Natalia Anders
Am
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