Die Vorkämpferin, der Versöhner und der Partisan

Sie stammen aus unterschiedlichen politischen Parteien, hatten unterschiedliche soziale Hintergründe und kommen aus unterschiedlichen Ländern. Zwei Sachen haben sie aber alle gemeinsam: Sie haben den Zweiten Weltkrieg miterlebt und daraus die Überzeugung gewonnen, dass nur ein geeintes Europa garantieren kann, dass es nie wieder zu so einer Katastrophe kommt. Wir stellen sie heute vor – eine Gründungsmutter und zwei Gründungsväter der Europäischen Union:

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 5 Min

Simone Veil

Die 1927 in Nizza geborene Simone Veil wurde 1944 samt ihrer Familie von Nazis verschleppt und überlebte den Weg durch mehrere Konzentrationslager. Ihre Eltern und ihr Bruder wurden Opfer des Holocaust. Die Erfahrungen dieser Zeit machten aus ihr eine glühende Verfechterin der europäischen Einigung. Krieg zwischen den Nationen Europas sollte für alle Zeiten unmöglich gemacht werden. Ihre politische Laufbahn begann die Juristin Veil als Beraterin im Justizministerium bevor sie schließlich Gesundheitsministerin wurde. Als solche setzte sie gegen erhebliche Widerstände durch, dass Abtreibungen in Frankreich straffrei wurden. Das entsprechende Gesetz wird bis heute deshalb auch als „Loi Veil“ bezeichnet. 1979 stellte sie sich für die ersten direkten Wahlen für das Europäische Parlament auf, zog erfolgreich ein und wurde zu dessen erster Präsidentin gewählt.

2008 wurde sie Mitglied der Académie Française und erhielt zu diesem Anlass ein Schwert. Die drei Gravuren, die sie dafür anfertigen ließ, fassen ihre Motivation wahrscheinlich am besten zusammen:

  • Die Häftlingsnummer, die ihr in Auschwitz eintätowiert wurde
  • Das Motto der Französischen Republik Liberté, égalité, fraternité (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit)
  • Das Motto der Europäischen Union In varietate concordia (Einigkeit in Vielfalt)

Helmut Kohl

Helmut Kohls Einfluss auf die Einigung Deutschlands wie auch die Einigung Europas kann kaum hoch genug eingeschätzt werden. Geprägt von einem tiefen Gefühl der Verantwortung Deutschlands für die Gräuel des Zweiten Weltkriegs widmete er seine politische Karriere vor allem der Aussöhnung und der Schaffung von Verhältnissen, die eine Wiederholung des Schreckens verhindern sollten. Der wohl bekannteste Ausdruck dieser Bemühungen war, als er bei einer Gedenkfeier für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs in Verdun den französischen Premier Mitterand bei der Hand nahm. Die Tragweite dieser aus unserer heutigen Sicht so trivialen Geste war immens. Sie beendete symbolisch eine Jahrhunderte währende Feindschaft und öffnete den Weg für eine weitere europäische Integration.

Sein unermüdlicher Einsatz, dabei europäische Institutionen wie das Europäische Parlament zu stärken, vermittelte auch den kritischsten Beobachtern glaubhaft, dass er sich ein europäisches Deutschland und nicht wie manche seiner Vorgänger ein deutsches Europa wünschte. Das auf diese Weise verdiente Vertrauen war es letztlich, das 1989 die deutsche Wiedervereinigung ermöglichte.

Für seine Verdienste wurde ihm 1998 die zweite der bisher insgesamt dreimal vergebenen Europäischen Ehrenbürgerschaften verliehen. Nach seinem Tod im Jahre 2017 wurde ihm zu Ehren der erste europäische Trauerakt überhaupt abgehalten.

Altiero Spinelli

Der 1907 geborene Altiero Spinelli kämpfte lange Jahre im kommunistischen Widerstand gegen Italiens faschistischen Diktator Mussolini. 1927 wurde er deshalb festgenommen und verblieb bis zur Niederlage Italiens im Zweiten Weltkrieg in Haft. In dieser Zeit kam er zu der Überzeugung, dass der einzige Weg, Kriege in Europa in Zukunft zu verhindern, darin läge, es zu vereinen. In dem von ihm verfassten Manifest von Ventotene, in dem er seine Überzeugungen niederschrieb, forderte er die Schaffung eines europäischen Bundesstaats und ging somit noch wesentlich weiter als sogar die proeuropäischsten seiner Zeitgenossen.

Es folgte eine lange politische Karriere in der Europäischen Gemeinschaft, wo er sich für die Schaffung einer gesamteuropäischen Verfassung einsetzte. Der sogenannte Spinelli-Entwurf, der das ermöglichen sollte, wurde zwar im Europäischen Parlament mit gewaltiger Mehrheit angenommen, scheiterte jedoch an der Ratifizierung in allen nationalen Parlamenten. Trotzdem war die Saat gesät und wesentliche Punkte des Entwurfs sollten einige Jahre später in den Vertrag von Maastricht und damit die Schaffung der Europäischen Union einfließen.

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 5 Min

Follow

X

Zum Newsletter anmelden

* indicates required

Please select all the ways you would like to hear from GRAD:

You can unsubscribe at any time by clicking the link in the footer of our emails. For information about our privacy practices, please visit our website.

We use Mailchimp as our marketing platform. By clicking below to subscribe, you acknowledge that your information will be transferred to Mailchimp for processing. Learn more about Mailchimp's privacy practices here.