Die vermeintlichen Weltverbesserer

Nach dem Abitur oder nach dem abgeschlossenen Studium etwas Besonderes erleben zu wollen, fürs Leben zu lernen, erste Zeilen unter dem Punkt „Auslandserfahrung“ im Lebenslauf füllen zu können und im selben Schritt „endlich etwas zurückgeben.“ Es sind viele Motive, die junge Erwachsene immer häufiger dazu bringen, nach Afrika, Südamerika oder Asien zu reisen, um dort freiwillig in Geburtenstationen, Waisenhäusern, in Schulen oder Tierauffanglagern mitzuhelfen.

Von Franziska Windisch
Am
Lesezeit 8 Min

„Voluntourismus“ nennt man diese Reisen, die den Mix aus Freiwilligentätigkeit und Tourismus beschreiben. Laut Tourismus-Watch sind es jährlich circa 15.000 bis 25.000 Deutsche, die sich auf den Weg machen. In den vergangenen Jahren konnte ein jährlicher Zuwachs von 10 bis 20 Prozent beobachtet werden. Manche bleiben zwei Wochen, andere Jahre. Mit dem Ansturm auf Auslandsvolontariate wächst auch das Geschäft, das dahinter steht. Eine Vielzahl an Agenturen bietet ein breites Angebot, dass auf die Bedürfnisse der Interessent*innen zugeschnitten ist. Project Abroad, der Marktführer in Österreich, bietet zum Beispiel auf allen Kontinenten Auslandspraktika an, mitmachen kann man vielfach schon ab einem Alter von 16 Jahren. Im westafrikanischen Ghana, einem sehr häufig frequentierten Ziel, reicht die Auswahl von Englisch unterrichten, über Sport trainieren und Computerkenntnisse vermitteln bis hin zu einem Tiermedizin- und einem Physiotherapie-Praktikum. Je nach Dauer des Aufenthalts werden dafür weit über 1.000 Euro verlangt, die Lebenserhaltungskosten im jeweiligen Gebiet liegen bei einem Bruchteil der Kosten. Kommerzielle Einrichtungen haben zudem oft kaum Aufnahmekriterien. Wer bereit ist zu zahlen, dem werden kaum Wünsche abgesprochen. Was bei Erntearbeiten oder im Tierschutz-Bereich oftmals kein großes Problem darstellt, kann im Kontakt mit Kindern zum Problem werden. Speziell dann, wenn es sich um sehr kurze Aufenthalte handelt.

„Waisenkinderknuddeln“

Auch wenn man selbst noch keine Reise nach Ghana gemacht hat, gibt es Bilder, die man mit dem Land verbindet. Schwarze Kinder strahlen mit großen Augen in die Kamera, in ihrer Mitte ein junger weißer Mann oder eine junge weiße Frau. Die Bildunterschriften wechseln, die Message ist oftmals ähnlich: Man ist dankbar, verwundert, ob der Freude dieser Kinder. „Sie haben so wenig und sind trotzdem so glücklich.“ Das Arbeiten mit Waisenkindern stellt im Geschäft mit dem Voluntourismus eine besondere Attraktion dar. Daniel Rössler kam im Zuge eines Hilfseinsatzes nach Ghana. Seine Aufgaben: die Leitung eines Dorfentwicklungsprojekts, die Verbesserung der Schul- und Wirtschaftssituation und… die Schließung von Waisenhäusern im Auftrag der ghanaischen Regierung. Was haben ein Hilfseinsatz und die Schließung von Waisenhäusern gemeinsam, wird man fragen. Ziemlich viel, gibt Rössler, der seine Erlebnisse in dem Buch „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“ zusammengetragen hat, zu bedenken. 90 Prozent der Kinder, die in ghanaischen Waisenhäusern leben, haben eigentlich Eltern, schreibt Rössler. Doch das Interesse der Tourist*innen ist groß, Eltern sind froh, wenn ihre Kinder drei Mal täglich eine warme Mahlzeit bekommen. Wenn Tourist*innen in die entlegenen Dörfer kommen, trommeln die Bürgermeister die Kinder zusammen, fahren sie am nächsten Tag weiter, gehen sie zurück zu ihren Eltern, wollen sie ein Jahr helfen, dann bleiben auch die Kinder so lange. Die Sicherung ihrer Rechte ist in diesen Häusern jedoch nicht garantiert. Die Kinder, die von ihren Eltern getrennt werden, sind besonders vulnerabel und die Freiwilligen, die oft nur für sehr kurz bleiben, sorgen zusätzlich für psychische Traumata im Wochenrhythmus. Während die Kinder im Zuge des Heranwachsens gut versorgt werden, haben sie als Volljährige keinen Job und keine Netzwerke. Im Umfeld gelten sie als „white kids“. Trotz des Verbots durch die Regierung, bei dessen Durchsetzung das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF unterstützend mitwirkt, entstehen immer wieder neue Waisenhäuser. Auch in einem anderen Teil der Welt, in Nepal, sorgte ein Bericht einer Nichtregierungs-Organisation für Aufsehen. Voluntourismus trage, so heißt es im NGN-Bericht, zur Institutionalisierung des Menschenhandels bei.

Wem hilfts...

Junge Menschen, die helfen wollen, die ihre Freizeit dafür opfern, um etwas Gutes zu tun. Was kann man da schon dagegen haben, fragt der Journalist Sam Blackledge in einer Verteidigung der Voluntouristen im englischsprachigen Guardian. Die Arbeit von Freiwilligen habe doch sehr wohl einen positiven Einfluss. Dass die Auslandsvolontariate nicht nur Schaden anrichten, steht außer Frage – vor allem wenn man ein paar Grundregeln beachtet wie zum Beispiel das Meiden von (vermeintlichen) Waisenhäusern. Auch die Wahl der richtigen Vermittlungsagentur ist bedeutsam. Zahlreiche europäisch bzw. national geförderte Agenturen sind bedacht darauf, Qualitätskriterien in den Vordergrund zu stellen, lediglich langfristige Stellen zu vermitteln und bei der Auswahl von Freiwilligen sorgsam zu sein. Ob die Communities vor Ort tatsächlich vom freiwilligen Engagement profitieren, das ist schwer abzuschätzen. Bei ständig wechselnden Helfer*innen gehen langfristige Effekte oft unter. Wenn absehbar ist, dass Projekte keinen Sinn machen, werden sie, ob des Profits, oft trotzdem fortgesetzt. Kritiker*innen argumentieren, dass bestehende Abhängigkeitsmechanismen fortgesetzt werden und dass die wenigen Arbeitsmöglichkeiten, die es vor Ort gibt, nicht von bezahlten Einheimischen, sondern von unbezahlten Freiwilligen besetzt werden. Blackledge entgegnet, dass Voluntourist*innen ihre Erfahrungen auch weitertragen, dass sie im Laufe ihres Lebens wahrscheinlich viel bewusster gegen Ungleichheiten ankämpfen. Ossob Mohamud, auf deren kritischen Kommentar Blackledge eine Verteidigung geschrieben hat, kritisiert nicht nur die Fragwürdigkeit des Nutzens von Voluntourismus, sie geht auch mit der Vorstellung als Ganzes hart ins Gericht.

Rette mich!

Die strukturellen und institutionellen Ursachen für die Ungleichheit zwischen globalem Norden und globalem Süden werden ignoriert, so Mohamud. Das Verhältnis zwischen Freiwilligen und Marginalisierten sei keines auf Augenhöhe. „White Saviour Complex“ wird das Bild des weißen privilegierten Retters genannt, der in „die Wildnis“ reist, um dort die Einheimischen vor sich selbst zu retten. Ein steter Begleiter ist dabei die Kamera, die ihn in der Interaktion mit Einheimischen, vorzugsweise mit Kindern, ablichtet. Armutsorientiertes Marketing verstärkt diese Klischees. Wir alle kennen Werbespots von Hilfsorganisationen, in denen traurige ausgehungerte Kinder plötzlich freudestrahlend auf Schulbänken sitzen, wenn die weiße Frau oder der weiße Mann ins Dorf kommen. Die Bilder gehen um die Welt und sind oft die einzigen, die die Daheimgebliebenen von Afrika haben. Im Interview mit dem Radio-Sender Ö1 dreht Daniel Rössler den Spieß um. Man stelle sich vor, ein ghanaischer junger Mann würde in einen Kindergarten im ersten Bezirk spazieren, sich um die Kinder kümmern und davon ausgehen, etwas bewirken zu können.   

Von Franziska Windisch
Am
Lesezeit 8 Min

Follow

X

Zum Newsletter anmelden

* indicates required

Please select all the ways you would like to hear from GRAD:

You can unsubscribe at any time by clicking the link in the footer of our emails. For information about our privacy practices, please visit our website.

We use Mailchimp as our marketing platform. By clicking below to subscribe, you acknowledge that your information will be transferred to Mailchimp for processing. Learn more about Mailchimp's privacy practices here.