Die unsichtbare Arbeit

9,7 Milliarden Stunden jährlich. So viel Zeit wird für Hausarbeit, Pflege, Kinderbetreuung oder ehrenamtliche Mitarbeit in Österreich aufgewendet. Zwei Drittel davon übernehmen Frauen. Unbezahlt versteht sich.

Von Franziska Windisch
Am
Lesezeit 8 Min

Schnell noch die Kinder in den Kindergarten bringen, dann das Telefonat mit der Mutter auf dem Weg zur Arbeit. Ob sie denn alle ihre Medikamente aus dem Pillendöschen, das sie am Vortag von Neuem befüllt hat, genommen habe. Eine tägliche Frage. Karin arbeitet seit einem Monat Vollzeit, ein Spießrutenlauf. Die Kinder müssen spätestens um 17:00 Uhr abgeholt werden, bleibt Arbeit liegen, wird sie mitgenommen. Zeit bleibt jedoch erst, wenn die Kinder schlafen, die Wäsche gebügelt und die Wohnung geputzt ist. Ungefähr gegen 22:00 Uhr. Care-Arbeit, so nennt man jene Sphäre der Arbeit und Ökonomie, die dem Bereich der klassischen „Produktion“ entgegensteht. Es sind personennahe fürsorgende Tätigkeiten: Altenpflege, Nachbarschaftshilfe, Hausarbeit und Kinderbetreuung. Jahrhundertelang wurden diese Tätigkeiten von Frauen ausgeführt ohne ihnen großartig Beachtung zu schenken. Gesellschaftlich, politisch und ökonomisch. Doch diese Selbstverständlichkeit gerät ins Wanken. Während die Arbeitsmarktintegration der Frau in den letzten Jahrzehnten ein stetiges Plus verzeichnet, ist Care-Arbeit nahezu unverändert weiblich. „Alles eine Frage der Organisation“, ist die Antwort auf die Frage der Vereinbarkeit vielerorts. Doch die Zeit ist knapp und viele haben es satt.

Das ist privat!

Die strikte Trennung der öffentlichen Erwerbsarbeitssphäre und dem privaten Haushalt ist eine Erfindung der Industrialisierung. Während im Feudalsystem Männer und Frauen gleichermaßen am gemeinsamen Hof tätig waren, brachte die kapitalistische Marktlogik auch die Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit mit sich. Der bürgerliche Mann ging frühmorgens in die Fabrik (und später ins Büro), die Frau kümmerte sich einstweilen um den Haushalt. Begründet wurde diese Aufteilung der Tätigkeiten auch über die natürlich zugeschriebenen Eigenschaften von Frauen und Männern. Frauen seien empfindsamer, passiver und fürsorglicher. Männer hingegen agieren rationaler, aktiver und weniger gefühlsbetont. Die jeweilige Beschäftigung würde dem zugehörigen Naturell entsprechen. Diese Form der Rollenaufteilung wurde auch institutionell abgesichert. Der Lohn, den der Mann für seine Arbeit bekam, konnte eine Familie versorgen. Die Frau war durch die Ehe an den Mann gebunden. Eine Scheidung nicht nur moralisch, sondern auch finanziell schier unvorstellbar. Die Soziologin Jutta Allmendinger spricht davon, dass der Heiratsmarkt für Frauen bis in die Siebzigerjahre ein größerer Aufstiegsgarant als der Arbeitsmarkt war. Auch wenn die Unvorstellbarkeit einer gängigen Praxis gewichen ist, haben sich die politischen Umstände kaum verändert. Unser Sozialsystem legt den Fokus auf Erwerbsarbeit. Seine Versicherungslogik geht von kontinuierlicher Vollzeitbeschäftigung aus. Wer Care-Arbeit leistet, fällt nicht nur um Lohn um, auch die Pensionsleistungen schrumpfen. Unbezahlte Reproduktionsarbeit impliziere demnach entweder Armut oder Abhängigkeit, schlussfolgern Expert*innen. Löst man sich aus der Abhängigkeit des Ehemannes, hat man also immer noch mit großen finanziellen Einbußen und einer noch größeren Arbeitsbelastung zu kämpfen. Das zeigen Alleinerzieherinnen und ihre Kinder, die als eine der größten ökonomischen Risikogruppen gelten. Auch im Jahr 2019.

Klaffende Lücken

Zwar ist die klassische Hausfrauenehe mittlerweile eher unüblich, aber auch Vollzeit berufstätige Frauen wie Karin sind nicht die Norm. Teilzeitbeschäftigung ist der gängige Weg. Im Jahr 2016 arbeiten insgesamt fast die Hälfte aller Frauen mit Kindern unter 15 Jahren Teilzeit. 10 Prozent sind in Elternkarenz. Väter sind hingegen zu 84,7 Prozent Vollzeit beschäftigt. Nur 6,3 Prozent arbeiten Teilzeit. Obwohl immer mehr Frauen am Erwerbsarbeitsmarkt partizipieren, müssen sie vielfach Kompromisse eingehen, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu gewährleisten. Hinderlich sind unter anderem institutionelle Umstände - also fehlende Kinderbetreuungsplätze oder steuerliche Anreize, die ein Zuhausebleiben finanziell belohnen. Und natürlich Männer, die vielleicht ein paar Mal öfter in Karenz gehen, an ihren Selbstverständnissen jedoch noch nicht allzu viel geändert haben. Frauen, die verstärkt der Lohnarbeit nachgehen, hinterlassen deshalb eine Lücke. Diese wird entweder von anderen Familienmitgliedern wie Großeltern oder aber - gerade wenn es um die Pflege ebendieser geht - von migrantischen Arbeiter*innen gefüllt. Diese verrichten ihre Tätigkeit in der Regel unter höchst prekären Bedingungen. Global Care Chains, also globale Pflegeketten, beschreiben den Umstand, wenn Pflegerinnen aus Polen im Zwei-Wochen-Rhythmus nach Österreich kommen und deren eigene pflegebedürftige Angehörige wiederum von Arbeiter*innen aus der Ukraine betreut werden. Zwei Wochen am Stück, sieben Tage die Woche, nahezu 24 Stunden im Einsatz. Das Gesetz, das das Konzept der 24-Stunden-Pflege 2007 legalisierte, entstand aufgrund von Problemen mit Schwarzarbeit. Weil in den Vorjahren zahlreiche Familien bzw. alleinlebende pflegebedürftige Personen als „Schwarzarbeitgeber“ angezeigt wurden, signalisierte die damalige Bundesregierung unter Alfred Gusenbauer (SPÖ) raschen Handlungsbedarf. Ziel des Hausbetreuungsgesetzes war es weniger, die Rechte der migrantischen Arbeitnehmer*innen zu schützen, sondern vordergründig österreichische Arbeitgeber*innen vor der Illegalität zu bewahren. So beinhaltete das Gesetz auch eine Amnestieregelung, die die Vergehen in den Vorjahren ebenso wie in einer Umstellungsphase straffrei stellte. An den bestehenden Arbeitsverhältnissen und den damit in Verbindung stehenden strukturellen Missständen änderte das kaum etwas, war es doch das Ziel, die Kosten so gering wie möglich zu halten.

Symptombekämpfung

Am Beispiel des Hausbetreuungsgesetzes lässt sich sehr gut erkennen, woran Fortschritt im 19. Jahrhundert ebenso wie im 21. Jahrhundert scheitert. Daran, dass sich Care-Arbeit nur schwer in die Produktionslogik integrieren lässt, die unser Wirtschaftssystem bestimmt und daran, dass diese Problematik vielfach unsichtbar bleibt, weil die Folgen ins Private geschoben werden. Leitlinien der globalisierten Wirtschaftspraxis sind Produktivitätssteigerung und damit auch das Einsparen von Zeit, das Schaffen von Wert, der sich in Geld messen lässt, aber auch die vermehrte Entkoppelung von Raum und Zeit, die physische Nähe obsolet macht. All diese Prinzipien stoßen bei Care-Arbeit jedoch an ihre Grenzen. Genügend Zeit gilt als Qualitätskriterium. Im Zentrum stehen Beziehung und Kommunikation - Dinge, die man nicht monetarisieren kann, die eine örtliche Nähe voraussetzen und oft auch nicht technologisch kompensiert werden können. Dem zugrunde liegt jedoch auch der Umstand, dass Care-Arbeit eine unbedingte Notwendigkeit und eine Basis für Erwerbsarbeit darstellt. Ohne dass wir uns um unsere Kinder, um die Kranken und Pflegebedürftigen kümmern, ohne dass wir Freundschaften pflegen und der Hausarbeit nachgehen, können wir nicht der lohnarbeiten. Die gleichberechtigte Partizipation von Männern am Arbeitsmarkt wie auch in der Öffentlichkeit, die im Zuge der bürgerlichen Revolutionen erkämpft wurde, basiert letztlich darauf, dass Frauen im Privaten die Stellung hielten und immer noch halten. Weil die Privatsphäre gleichzeitig als schätzenswertes Gut gilt, wird Arbeit vielfach nur im Zeichen der Erwerbsarbeit diskutiert. Deshalb gibt es mittlerweile auch mehrere ökonomische Forschungsdisziplinen, die den Blickwinkel erweitern und die Abhängigkeit von Sorge- und Erwerbsarbeit untersuchen. Dabei kommt man auch vermehrt zu dem Schluss, dass die gleichberechtigte Aufteilung von Arbeit im Sorge- wie auch im Erwerbsbereich ohne das Hinterfragen dieser Grundkonstellationen nur sehr schwer vorstellbar ist. Feminist*innen fordern deshalb vor allem eine Arbeitszeitverkürzung. Gleichzeitig gibt es auch den Wunsch nach Arbeitsorganisation mittels Zeitkonto. In genossenschaftlicher Organisation schenkt man gewisse Zeitressourcen seinen Mitmenschen - zur Unterstützung in der Kinderbetreuung, bei der Gartenarbeit oder im Haushalt und erhält im Gegenzug ebenfalls Hilfe. Nancy Fraser, eine amerikanische Philosophin, macht sich Gedanken zum sogenannten universellen Betreuungsmodell. Für sie kann die Art und Weise wie Frauen gegenwärtig zu einem großen Teil tätig sind, nämlich Teilzeit im Beruf und Teilzeit in der Sorgearbeit, ein  Vorbild für Männer sein. Denn während Frauen, unabhängig davon ob sie am Erwerbsarbeitsmarkt partizipieren, die Hauptzuständigen in Sachen Haushaltsführung und Kinderbetreuung sind, helfen Männer - wenn überhaupt - lediglich mit.

Von Franziska Windisch
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