Die stumme Hälfte der Gesellschaft

Der beste Weg, um etwas zu erfahren, was man nicht selbst miterlebt hat, ist jemanden zu fragen, der dabei war. Wenn niemand mehr lebt, der dabei war, schaut man nach, ob jemand was dazu aufgeschrieben hat. Ein großer Teil unseres Geschichtswissens basiert auf diesem einfachen Prinzip.

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 6 Min

Im Gegensatz zu unserem heutigen totalen Informationsüberfluss (man denke an die bemitleidenswerten Historiker, die einmal Twitter abarbeiten werden müssen) gilt für den Großteil unserer Vergangenheit, dass Schreiben eine besondere und seltene Fähigkeit war. Das schränkt die möglichen Quellen merklich ein. Eine solche Zeit war das Mittelalter. Auffällig für diese Zeit ist das riesige geschlechtliche Ungleichgewicht der Quellen. Frauen waren im Vergleich zu Männern geschichtlich gesehen beinahe stumm und wenn uns über die Hälfte der Menschheit fast nur aus zweiter Hand erzählt wird, stellt sich die Frage wieso. Wie kam es dazu, dass Frauen so lange Zeit einen so schlechten Stand in der Gesellschaft hatten?

Menschen zweiter Klasse

Eine der Grundlagen der schlechten Stellung der Frau war die Überzeugung, dass Frauen von Haus aus physisch und mental schwächer als Männer seien. Dadurch ergäbe sich ihre Unterordnung unter den überlegenen Mann ganz selbstverständlich und auch zu ihrem Vorteil. Als “Beweis” dafür wurde meist die Erbsünde angeführt – das Mittelalter sah die Geschichte von Eva und dem Baum der Erkenntnis als Kronzeugen für die Schwäche und Korrumpierbarkeit der Frau. Da konnte auch noch so viel Marienverehrung das Image nicht mehr rumreißen. Auf dieser fatalen Grundlage verwundert es auch nicht, dass die bis heute aktuelle Debatte über Frauen in Weiheämtern in der katholischen Kirche damals auf einem anderen Niveau geführt wurde. Im Mittelpunkt stand eher die Frage ob Frauen überhaupt fähig sind, Segen zu spenden, oder ob sie als unvollkommene Wesen nicht sowieso nur spirituelle Platzpatronen verschießen würden. So weit, so düster. Aber wie lief es in der Praxis?

Gesetzlich verordnete Rechtslosigkeit

Eigentlich sah es im antiken Rom noch ganz gut für Frauen aus. Privatrechtlich waren sie Männern beinahe gleichgestellt, durften erben, sich beliebig scheiden lassen und genossen auch außerhalb eines Eheverhältnisses vollen Rechtsschutz. Gravierende Ausnahmen, wie Ausschluss von öffentlichen Ämtern, garantierten aber auch hier den Status als Bürgerinnen zweiter Klasse. Trotzdem bestand kein Vergleich zum germanischen Recht, in dem Frauen generell der Vormundschaft eines Mannes unterlagen. Das geht so weit, dass das Wort Vormundschaft auf den Begriff für dieses Verhältnis – „munt“ – zurückgeht. Im Mittelalter wurde das zwar merklich abgemildert, aber den hohen Status des römischen Rechts sollte es in Europa noch lange nicht geben. Der Ausschluss von öffentlichen Ämtern und dem Rechtswesen – namentlich Juries – bleiben. Eine kuriose Ausnahme gab es in England: Wenn ein kirchliches Gericht in England die Schwangerschaft einer Witwe oder die Impotenz eines Mannes feststellen wollte, wurde eine Frauenjury herangezogen. Ansonsten hing der Grad an Selbstbestimmung im Leben einer Frau im Mittelalter wesentlich an ihren Erb- und Eigentumsrechten. Eigentum garantierte Unabhängigkeit. In den reichen Handelsstädten in Norditalien oder Mitteldeutschland zum Beispiel war es für eine Frau durchaus möglich Karriere zu machen. Unvergleichbar schwieriger als für einen Mann, aber zumindest möglich. Berufe wie Seidenspinnerin wurden als Frauenberufe gesehen, aber waren immens lukrativ und boten damit zumindest theoretisch eine Möglichkeit, ein gewisses Maß an persönlicher Freiheit zu erlangen.

All das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man über eine Frau aus dieser Zeit stolpert, die es geschafft hat, uns ihre Geschichte selbst zu erzählen. Sie hat einer Gesellschaft getrotzt, die fundamental darauf aufgebaut war, sie klein und stumm zu halten.

Von Gregor Schwayer
Am
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