Die Geschichte des europäischen Gedankens

Bereits seit vielen Jahrhunderten geistert der Gedanke eines geeinten Europas über unseren Kontinent. Die Gründe dafür waren so divers wie die Menschen, die ihn dachten. Um seine Entwicklung zu verstehen, müssen wir uns fragen, was Europa war und was es ist und kommen so vielleicht zu neuen Ideen, was es einmal sein kann. (Teaserbild Credit: Lisa Kolbasa / Shutterstock.com)

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 8 Min

Roma Aeterna und die Folgen

Unsere eher kleine Ecke der Welt – Europa ist der zweitkleinste aller Kontinente – war an einem sehr wichtigen Punkt der menschlichen Entwicklung so eine Art klimatische Goldilockszone. Wie der Brei in dem Märchen Goldlöckchen und die drei Bären war es weder zu heiß noch zu kalt, sondern genau richtig. Es war warm genug für immens ergiebigen Ackerbau auf den iberischen und der italienischen Halbinseln und dem heutigen Griechenland, aber auch kalt genug, um Krankheiten wie Typhus und Malaria stark einzuschränken. Auf diesem fruchtbaren Boden entstanden mit einiger Verspätung zu China, Mesopotamien und Ägypten schließlich zahlreiche Hochkulturen. Die prägendste von ihnen sollten schließlich die Römer werden, die sich die kulturellen Aspekte und Technologien ihrer Mitbewerber zu eigen gemacht und sie mit einem rigorosen Militärdienst und effizienter Verwaltung unterlegt haben. Diese Mischung erwies sich als so effizient, dass Rom bald den gesamten Mittelmeerraum und weite Teile Kontinentaleuropas beherrschte. Roma Aeterna – das ewige Rom – wurde es zwar nicht, aber der Einfluss des römischen Reichs auf unsere Breiten war stark genug, dass sich aus ihm einige der ersten Gemeinsamkeiten der europäischen Folgestaaten entstanden. Zum einen war das die lateinische Sprache, die in Wissenschaft und Literatur bis weit in die Neuzeit als gängige Umgangssprache diente. Wer Latein gelernt hat, kann sich vorstellen, wie unpraktisch das im Vergleich zum recht einfach zu erlernenden Englisch, das diese Lücke heute füllt, gewesen sein muss. Zum anderen war das das römische Recht, das es auf kurz und auf die eine oder andere Weise in den folgenden Jahrhunderten in die meisten Formen der Rechtsprechung auf dem Kontinent geschafft hat. Es gibt natürlich noch zahllose andere Beispiele, aber diese beiden geteilten Überbleibsel des römischen Imperiums haben bereits lange vor dem Aufkommen eines echten europäischen Gedankens ein vages Gefühl von geteilter Vergangenheit erzeugt.

Karl der Große, Protoeuropäer

Nach dem Fall des Weströmischen Reichs wurde es für einige Zeit etwas chaotisch in Europa, bis sich schließlich regionale Mächte durchsetzten und einige bekannte Namen auf der Landkarte Einzug halten – Franken, Bayern, Sachsen,…

Der nächste Big Player auf europäischem Boden sollten die Franken werden. Nachdem sie zunächst die maurische Expansion (die das daraufhin mit einem der ersten dokumentierten Sammelausdrücke für „Europäer“ festhielten und sich auf der iberischen Halbinsel ihrem eigenen goldenen Zeitalter widmeten) bei den Pyrenäen gestoppt und die Gebiete bis einschließlich dem heutigen Deutschland, Norditalien und Westösterreich erobert oder unterworfen hatten, waren sie die unumstrittene Großmacht auf dem Kontinent. Mit der Krönung zum Heiligen Römischen Kaiser im Jahre 800 wurde Karl der Große zum Sinnbild dieser neuen Idee eines gesamteuropäischen Herrschaftsraums fußend auf dem immer noch lebendigen Idealbild von Rom. Dieses Bild von Europa war allerdings sehr unterschiedlich von unserem heutigen. Es war keine Idee von Kooperation, sondern von Hegemonie.

Nach dem Fall des Weströmischen Reichs wurde es für einige Zeit etwas chaotisch in Europa, bis sich schließlich regionale Mächte durchsetzten und einige bekannte Namen auf der Landkarte Einzug halten – Franken, Bayern, Sachsen,…

Der nächste Big Player auf europäischem Boden sollten die Franken werden. Nachdem sie zunächst die maurische Expansion (die das daraufhin mit einem der ersten dokumentierten Sammelausdrücke für „Europäer“ festhielten und sich auf der iberischen Halbinsel ihrem eigenen goldenen Zeitalter widmeten) bei den Pyrenäen gestoppt und die Gebiete bis einschließlich dem heutigen Deutschland, Norditalien und Westösterreich erobert oder unterworfen hatten, waren sie die unumstrittene Großmacht auf dem Kontinent. Mit der Krönung zum Heiligen Römischen Kaiser im Jahre 800 wurde Karl der Große zum Sinnbild dieser neuen Idee eines gesamteuropäischen Herrschaftsraums fußend auf dem immer noch lebendigen Idealbild von Rom. Dieses Bild von Europa war allerdings sehr unterschiedlich von unserem heutigen. Es war keine Idee von Kooperation, sondern von Hegemonie.

Europa als religiöses Bollwerk

In der Folgezeit wurde vor allem Religion zum Faktor, der Wünsche einer europäischen Einigung antrieb. Die Ressourcen der Reiche, die der katholischen Kirche folgten, sollten gegen äußere Feinde gebündelt werden – sei das in der Offensive oder der Defensive. So dachte zum Beispiel der französische Scholastiker Pierre Dubois eine gesamteuropäische Armee und zumindest eine mit Teilbefugnissen ausgestattete, gebündelte Administration an, um so das Heilige Land zu erobern. Mit ähnlichen Gedanken wurde während der ottomanischen Offensiven auf dem Balkan gespielt, aber sie alle scheiterten.

Von Reformation bis Aufklärung – Europa erfindet seine Werte

Mit der Renaissance und der erneuten, gründlicheren Beschäftigung mit der Antike rückte etwas Neues in den Mittelpunkt: das Individuum im Gegensatz zur bisherigen sklavischen Unterordnung unter das mittelalterliche Klassendenken. Die Aufklärung fachte diesen Funken an. Durch den Buchdruck beflügelt war ihr Einfluss auf dem ganzen Kontinent zu spüren und löste unter Anderem furchtbare Kriege aus. Aber sie setzte auch erstmals die Keimlinge einer bisher ungekannten Gewissheit in die Köpfe der Menschen: Niemand hat das Recht, vorzuschreiben, ob und auf welche Art Menschen zu glauben haben. Dieser Trend setzte sich mit der Aufklärung fort. Die Menschen erkannten, dass ihnen ihre Grundrechte vorenthalten wurden und forderten sie zunehmend ein. Auch, wenn es noch ein weiter Weg bis zu egalitären Gesellschaften sein sollte, die Grundsteine wurden gelegt. Und das Gefühl geteilter Unterdrückung führte zu ersten vereinzelten Wünschen nach gesamteuropäischem Wandel und Solidarität.

Krieg und die Lehren daraus

Geschichtlich gesehen beruhten die meisten großen Kriege auf europäischem Boden auf dem Gegensatz zwischen den beiden Großmächten Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich beziehungsweise später Deutschland. Nachdem beide Weltkriege von zweiterem Block gestartet wurden, stand die Frage im Raum, wie man eine Lösung finden konnte, Deutschland dauerhaft friedlich in Europa einzubinden. Die Lösung nach dem ersten Weltkrieg war, Deutschland vernichtende Reparationen und Einschränkungen der eigenen Souveränität - etwa in Sachen Militär -aufzuerlegen. Das Gefühl der Demütigung und das wirtschaftliche Fiasko trugen wesentlich dazu bei, dass die Nazis an die Macht kommen konnten und führte somit direkt in den Zweiten Weltkrieg. Es musste einen anderen Weg geben. Einen der für alle funktioniert.

Von EGKS bis Maastricht

So wurde die EGKS geboren, die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Die Idee war, innerhalb der EGKS sämtliche Zölle auf die kriegswichtigen Güter Kohle und Stahl aufzuheben und die entsprechenden Industrien der Mitgliedsstaaten so stark zu verweben, dass ein Krieg beinahe undenkbar wurde, weil die Kriegsindustrie in dem Fall prompt zusammenbrechen würde. Das Konzept war in dieser Hinsicht ein voller Erfolg. Europa erlebte innerhalb der EGKS und ihrer Folgeinstitutionen der EG und nun der EU die längste Friedensperiode in der Geschichte.

Mit dem Vertrag über die Europäische Union wurde 1992 das Wertekorsett für die mittlerweile auch politische Union, die aus dieser langen Geschichte von Ideen hervorging, festgelegt. In dessen Artikel 2 heißt es:

„Die Werte, auf die sich die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören. Diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und die Gleichheit von Frauen und Männern auszeichnet.“

Die Einhaltung dieser Grundsätze gelang bei Weitem nicht immer. Wie gut es uns in Zukunft gelingen wird, werden wir alle mitbestimmen können bei den EU-Wahlen im Mai.

Von Gregor Schwayer
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