Die Angst vor dem großen Austausch

Die Identitäre Bewegung Österreich fordert auf ihrer Homepage zentral das „Ende der Masseneinwanderung“, da diese dazu führen werde, dass Österreicher*innen zu einer Minderheit im eigenen Land werden würden – dem „großen Austausch“. Grund genug, sich das einmal genauer anzusehen.

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 6 Min

Die identitäre Bewegung Österreich ist eine vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes als rechtsextrem eingestufte Organisation. Sie versucht ein Rebranding ihrer politischen Szene. Als Logo führt sie das Lambda, ein Symbol für Sparta. Eine nicht ganz unproblematische Wahl, da die Spartaner zwar sicherlich einige der besten Einzeiler der Geschichte geliefert haben, aber auch ein extrem aggressiv militantes, autoritäres Staatswesen hatten, das sich kaum als Vorbild für eine moderne Demokratie anwenden lässt.

Größere Breitenwirkung erhoffen sie sich durch ein verändertes Wording. Die Forderung nach klarer Trennung aller Völker sei kein Rassismus, sondern „Ethnopluralismus“. Abschiebungen werden zur „Remigration“. Ergänzt wird all das möglichst medienwirksam durch Aktivismus. Zu größter Bekanntheit kam hier wohl die Aktion „Defend Europe“, als identitäre Aktivisten das Schiff „C Star“ charterten, um laut Homepage der Mission „tausende Afrikaner vor dem Ertrinken zu retten“ – indem man sie an der Überfahrt nach Europa hindert. Das von Anfang an von Problemen geplagte Unternehmen endete in einer Situation, die wohl am treffendsten als tragikomisch zu bezeichnen ist. Die Mission selbst sieht das anders: „Defend Europe just ended its first mission! It was a success. Undisputabley. Totally. A political success, a media success, and a success in activism.”.

Was ist dran am „großen Austausch“?

Laut Identitären führt die Kombination aus geringer Geburtenraten der Österreicher*innen und Massenmigration dazu, dass Österreicher*innen unter Beibehaltung des momentanen Kurses in naher Zukunft zur Minderheit im eigenen Land werden. Sie zitieren hierzu Renaud Camus:

„Der Große Austausch ist kein Konzept, kein Begriff und keine Theorie. Er ist nur der Name für das wichtigste, ganz Europa betreffende Phänomen der letzten 1500 Jahre: nämlich der Austausch seiner Population und die Veränderung des Volkes.“

Schwer vereinbar ist diese Logik beispielsweise mit all dem Lob, das sie für Ungarn finden. Die Ungarn kamen vor ca tausend Jahren aus Asien und nahmen einen "großen Austausch" im Karpatenbecken vor. Warum war es damals in Ordnung? Wann hat es aufgehört in Ordnung zu sein? Oder sind Migrant*innen auf einmal doch akzeptabel, sobald sie lange genug vor Ort gelebt haben?

Auch heutige Österreicher*innen sind sind das Ergebnis permanenter kultureller Vermischung. Ein reichlich bunter Mix aus Baiern, Slawen, Resten der römischen Bevölkerung am Limes, Kelten und und und. Österreich war ein Grenzland auf dem geschichtlichen Äquivalent einer Autobahn – hier kamen einfach immer viele Menschen durch. Und die Geburtenrate? Es stimmt, dass Österreicherinnen relativ wenige Kinder bekommen. Genauso wie Frauen in allen anderen Industrienationen. Frauen in Schwellenländern holen in dieser Hinsicht aber rapide auf. Ähnlich sieht es mit Migrantinnen nach der ersten Generation aus. Das ist eine natürliche Anpassung an geringe Kindersterblichkeit gepaart mit veränderten Lebensumständen. Massenmigration ist auch kein neues Phänomen. Katastrophen wie Kriege haben immer wieder für große Flüchtlingsbewegungen gesorgt. Diesmal ist es Syrien, in den Neunzigern war es beispielsweise der Jugoslawienkonflikt. Neu ist, dass die globale Erwärmung Migration verstärkt. Das ist allerdings ein Problem, dessen sich die Menschheit gemeinsam annehmen muss. Aber sogar die aktuell hohen Migrationsbewegungen reichen für keinen „Großen Austausch“:

Wir leben in Zeiten großer technologischer und soziologischer Veränderungen. Eine gewisse Sehnsucht nach einfacheren, klaren Verhältnissen ist da durchaus nachvollziehbar. Aber es hilft niemandem, wenn es in den Wunsch umschlägt, einen “idealen” Zustand wiederherzustellen, den es so nie gab.

Von Gregor Schwayer
Am
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