„Der Sport ist eben auch einfach mein Job.“

Miriam Ziegler ist österreichische Eiskunstläuferin. Nachdem sie 2012 das Ende ihrer Karriere als Einzelläuferin bekanntgegeben hatte, kehrte sie ein Jahr später als Paarläuferin gemeinsam mit Severin Kiefer zurück. Wir haben mit der 24-Jährigen über ihren besonderen Werdegang, den Alltag als Spitzensportlerin und die Voraussetzungen für Erfolg gesprochen..

Von Franziska Windisch
Am
Lesezeit 12 Min

Wie bist du aufs Eis gekommen?

Sich sportlich zu betätigen, das war schon in meiner Kindheit sehr wichtig. Im Burgenland gab es im Wintersport nicht allzu viele Möglichkeiten, deshalb habe ich dann über den Winter begonnen einmal wöchentlich einen Eislaufkurs in Eisenstadt zu besuchen. Meine Oma hat mich immer zum Training gebracht und ich hatte recht viel Spaß dabei.

Wie hat sich den Talent gezeigt?

Ich war nicht von Beginn an die Beste im Kurs, aber ich konnte die Anweisungen meiner Trainerin sehr schnell umsetzen und habe nicht lange gebraucht, um Neues zu lernen. Sie hat mir dann auch angeboten, mir Privatunterricht zu geben. Mit acht Jahren habe ich dann an ersten Wettbewerben teilgenommen, war aber auf nationaler Ebene noch nicht allzu weit vorne und bin niemandem wirklich aufgefallen.

Und wann hast du dann entschieden, das wirklich professionell zu machen?

Mit elf Jahren habe ich erkannt, dass das so nicht mehr funktioniert. Ich wollte mehr Sport machen, weil ich da eine Zukunft gesehen habe und gleichzeitig wurde es auch in der Schule immer zeitintensiver und anspruchsvoller. Meine Oma hat mich immer noch täglich zum Training gefahren, aber alleine die täglichen Autofahrten waren einfach sehr, sehr zeitaufwändig. Deswegen wollte ich dann in Wien ins Internat und in die Sportschule. Ich konnte dann einen großen sportlichen Sprung machen und mich weiterentwickeln. Da bin ich dann das erste Mal für Österreich große Wettbewerbe gefahren und bin auch Junioren-Staatsmeisterin geworden. Zu dem Zeitpunkt war dann relativ klar, dass ich in diesem Sport auch international eine Zukunft habe.

Hattest du auch Zweifel oder Rückschläge?

Als ich mich zu den Olympischen Spielen 2010 qualifiziert hatte, war ich fünfzehn. Es war ziemlich überraschend, dass ich starten konnte, da ich im Vergleich zu meinen Kontrahent*innen sehr jung war. Ich hatte mir sehr viel für diesen Wettkampf vorgenommen. Die Saison selbst war schon sehr stressig, ich musste mich ja qualifizieren und hatte deshalb bei jedem Wettkampf den Druck immer besser zu werden. Als ich dann am Ende tatsächlich zu den Olympischen Spielen fahren durfte, war ich körperlich und mental ausgelaugt. Ich denke, mit 15 Jahren hatte ich nicht das Vermögen, die neuen Eindrücke und diese riesige Veranstaltung besonders gut zu verarbeiten. Dann ist es nicht so gelaufen, wie ich wollte, ich habe viele Fehler gemacht, bin nicht unter die besten 24 in die Kür gekommen und konnte nur mein Kurzprogramm laufen.

Welche Folgen hatte das?

 Ich hab dann danach einen Sommer lang überlegt, ob ich das alles noch machen möchte. Ich war von mir selber sehr enttäuscht und konnte auch nicht damit umgehen, wie der Wettbewerb in den Medien und vom Eiskunstlaufverband kommentiert wurde. Ich hab dann aber doch entschieden, wieder anzufangen, weil ich sonst die Sportschule hätte verlassen müssen. In dem Sommer, in dem ich 16 Jahre alt geworden bin, hat dann aber, auch weil ich vergleichsweise wenig trainiert habe, die Pubertät voll eingesetzt. Es war dann schwierig, wieder auf mein Level zu kommen und im Frühjahr 2012 habe ich dann entschieden, dass dieses Eislaufleben für mich zu Ende ist, weil ich auch einfach keine Freude mehr daran hatte.

Und wie bist du dann zum Paarlauf gekommen?

Ein Jahr später hat Severin mich dann gefragt, ob ich das Paarlaufen probieren möchte. Mich hat der Paarlauf eigentlich immer interessiert und nach einem Jahr Abstand vom Sport hab ich mich auch bereit gefühlt wieder anzufangen.

Was waren die Gründe, für diesen Neuanfang?

Für mich haben drei Aspekte einen großen Unterschied gemacht. Der erste war das Alter. Als ich mich entschieden habe, mit dem Paarlauf anzufangen, war ich 19 Jahre alt und mental schon ein bisschen weiter. Der zweite ist, dass es für mich etwas ganz Neues war mit jemandem an der Seite zu laufen, nicht alleine am Eis zu stehen. Ich hatte eine Hand in meiner Hand und hab mich viel wohler gefühlt. Der dritte ist, dass es vom Training her einerseits anspruchsvoller und andererseits abwechslungsreicher ist als beim Einzellauf. Es geht nicht immer nur um Sprünge oder Pirouetten.

Wie weiß man da dann, dass man mit dem Partner harmoniert?

Severin hat ja zuvor schon Paarlauf gemacht, für ihn war es also relativ selbstverständlich mich zu nehmen und loszulegen. Da gab es wenig Berührungsangst. Das hat schon echt geholfen, eine Schwelle abzubauen. Es hat auch am Eis von Anfang an sehr gut zusammen geklappt. Wenn du einen sehr ähnlichen eigenen Rhythmus hast, musst du gar nicht viel dran arbeiten. Dann springst du einfach gleichzeitig. Ich weiß, dass es Paare gibt, die sich richtig schwer tun und das echt trainieren müssen.

Welche Herausforderungen hatte der Paarlauf?

Es war für mich natürlich schön, mit jemandem gemeinsam zu arbeiten. Ich bin gleichzeitig aber auch sehr, sehr ehrgeizig und das war letztendlich auch ein Grund dafür, dass ich meine Einzelkarriere beendet habe, weil ich für mich und meine Ansprüche zu schlecht war. Im Paarlaufen ist ja dieser Ehrgeiz noch immer da und jetzt kann ich nicht mehr alleine beeinflussen wie etwas läuft. Ich bin jetzt nicht der einzige Faktor. Selbst wenn ich alles richtig mache und mein Partner einen Fehler macht, wird das Element trotzdem schief gehen. Es hat sehr lange gedauert bis ich verstanden habe, dass sich im Paarlauf nicht alles nur um mich dreht, sondern dass wir das wirklich zusammen machen müssen und ich mich auch auf ihn einlassen muss. 

Wie hast du einen Weg gefunden, damit umzugehen?

Wir haben sehr viel darüber gesprochen. Manche Dinge kann man auch in der Analyse mit dem Trainer erarbeiten. Was mich selbst auch ein großes Stück weitergebracht hat, war, dass ich damit angefangen habe zur Sportpsychologin zu gehen mit der ich auch jetzt noch zusammenarbeite. Das ist wirklich cool. Mit ihr kann ich über alles reden und sie hilft mir auch, meinen Überehrgeiz ein bisschen runterzuschrauben nicht wie eine Verrückte, alles auf einmal zu wollen, sondern die Zeit am Eis auch wirklich zu genießen.

Und wie ist das bei Wettbewerben?

Ich habe jetzt ein paar Übungen, die ich vor Wettbewerben immer mache, die mir dabei helfen, mich zu sammeln und meinen Körper besser zu spüren. Es kam oft vor, dass ich mich in Wettbewerbssituationen ein bisschen ausgeliefert gefühlt habe und das Gefühl hatte, die Kontrolle über die Situation, meinen Körper, über alles verliere.

Du trainierst in Berlin und läufst für Österreich. Wie kommt das?

In Österreich gibt es auf unserem Niveau keine anderen Paarläufer. In Berlin gibt es da viel bessere Bedingungen. Es gibt bessere Trainer, andere Paare, die wir auch brauchen, um uns messen zu können und auch Motivation mitnehmen zu können.

Ist das häufiger der Fall?

In kleineren Ländern kann das öfter passieren. Das ist natürlich schade, allerdings auch sehr verständlich. Man muss jemanden finden, der aus demselben Land kommt und mit dem du gut arbeiten kannst. Es ist wirklich Glück, dass ich und Severin, zwei richtige Österreicher, uns gefunden haben.

Wie sieht dein Alltag aus?

Es ist – je nach Jahreszeit – ein bisschen unterschiedlich. Jetzt im Sommer wird viel intensiver trainiert als im Winter zwischen den Wettbewerben. Dann bist du schon auf einem relativ hohen Niveau, das du halten musst. Im Sommer wird die Grundlage für den Winter aufgebaut und da geht es natürlich viel intensiver zu. Wir haben zwei bis drei Stunden Eis am Tag, zwei Stunden Hebungen am Trockenen und eine Einheit Athletiktraining. Das ist sechs Mal die Woche, am Samstag hören wir mittags auf. Letztens habe ich nachgezählt, da sind wir auf 29 Stunden in der Woche gekommen.

Bleibt da noch Zeit, etwas Anderes zu machen?

Wir studieren beide an der Fernuniversität Teilzeit. Das war mir sehr wichtig, weil ich auch, wenn ich mit dem Sport fertig bin, nicht darauf angewiesen sein möchte, weiterhin im Sport tätig zu sein. Ich möchte eine weitere Option haben. Ich merke auch im Trainingsalltag, dass mir das Studieren sehr gut tut. Wenn ich eine Stunde, bevor ich in die Eishalle fahre, gelernt habe, dann bin ich im Kopf viel frischer.

Gibt es auch Phasen, in denen du gar nicht zum Training motiviert bist?

Die Phasen gibt es auf jeden Fall. Entweder man motiviert sich, in dem man die Ziele im Blick hat oder mit einer Belohnung im Nachhinein oder man sieht es als Routine. Wenn jemand in einem Büro arbeitet, kann er auch nicht sagen, er hat einen Tag keine Lust. Ich bin auch beim österreichischen Bundesheer angestellt, der Sport ist eben auch einfach mein Job.

Was meinst du braucht es neben Talent und Fleiß noch, um im Sport zu reüssieren?

Beim Eislaufen ist es auf jeden Fall auch der finanzielle Aspekt sehr wesentlich. Auf unserem Niveau werden wir zum Glück sehr, sehr gut unterstützt. Da gibt es einige Quellen, durch die Geld reinkommt. Wenn man jedoch noch nicht auf diesem Niveau ist und dort hinkommen möchte, braucht es echt viel Geld und vor allem auch eine Familie, die dich da unterstützt. Schon alleine meine Oma, die mich dann jeden Tag nach Wien ins Training gebracht hat. Es gibt genügend Kinder, die wollen und die Talent haben, die aber dann einfach nicht genügend Unterstützung bekommen.

Es braucht eigentlich jemanden, der sich dem genauso verschreibt wie du.

Ja, natürlich. Aber es gibt natürlich auch das Gegenteil. Wenn du extrem überehrgeizige Sporteltern hast, die den ganzen Tag mit dem Kind Sport machen. Die schauen den Kindern zu und sobald sie vom Eis gehen, üben sie weiter mit ihnen. Das schadet dem Sport und den Kindern dann auch mehr, als es etwas bringt. Aber eine Grundunterstützung, die ist auf jeden Fall notwendig.

Was passiert bei den Wettbewerben genau?

Die Abläufe sind relativ standardisiert. Bei großen Wettkämpfen hat man die Möglichkeit, ein paar Tage früher anzureisen und schon vor Ort aufs Eis zu gehen und  sein Programm vor Preisrichter*innen zu trainieren. Einen Tag vor dem eigentlichen Wettbewerb hat man dann die Auslosung, wo die Startreihenfolge bestimmt wird. Anhand dieser Startreihenfolge trainiert man dann am Wettkampftag. Beim Wettbewerb wird dann jeder nach der Reihe aufgerufen, man bekommt seine Wertung und dann kommt der nächste dran.

Was waren für dich die Besonderheiten bei Olympia?

Der Wettbewerb selbst läuft genau gleich ab, das Besondere ist wirklich das Drumherum. Du wohnst im Olympischen Dorf. Als Eisläufer hast du ansonsten relativ selten Kontakt zu anderen Sportarten, bei den Olympischen Spielen kannst du dich mit ganz unterschiedlichen Leuten unterhalten.

Was sind deine Ziele für die nächste Saison?

Wir haben nächstes Jahr geplant, wieder bei der Europa- und bei der Weltmeisterschaft an den Start zu gehen. Wir waren letztes Jahr bei der EM 7. und bei der WM 14. und wenn wir uns da ein bisschen höher arbeiten könnten, wäre das sehr schön. Und am Weg dorthin sind im Herbst noch einige andere Wettbewerbe geplant, wobei das nicht ganz an uns liegt, wo wir da teilnehmen können. 2020 ist in Graz Europameisterschaft und da freuen wir uns schon sehr.

Von Franziska Windisch
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