Der Fluch des Pharaos: Die Mutter aller Urban Legends

Am 4. November 1922 stolperte ein junger Wasserträger aus dem Team des britischen Archäologen Howard Carter buchstäblich über eine der größten Entdeckungen aller Zeiten: das Grab des Tutanchamun. Der Stein, an dem der Junge hängenblieb, war nicht natürlichen Ursprungs, sondern gehörte zu einem Stiegenabgang, der zum bisher einzigen unberührten Pharaonengrab führte, das je gefunden wurde. Aus dem Jahrhundertfund entstand auch eine der hartnäckigsten Urban Legends überhaupt, die eindrucksvoll zeigt, was passiert, wenn Aberglauben und Sensationssucht zusammenkommen: Der Fluch des Pharaos.

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 9 Min

Am 4. November 1922 stolperte ein junger Wasserträger aus dem Team des britischen Archäologen Howard Carter buchstäblich über eine der größten Entdeckungen aller Zeiten: das Grab des Tutanchamun. Der Stein, an dem der Junge hängenblieb, war nicht natürlichen Ursprungs, sondern gehörte zu einem Stiegenabgang, der zum bisher einzigen unberührten Pharaonengrab führte, das je gefunden wurde. Aus dem Jahrhundertfund entstand auch eine der hartnäckigsten Urban Legends überhaupt, die eindrucksvoll zeigt, was passiert, wenn Aberglauben und Sensationssucht zusammenkommen: Der Fluch des Pharaos.

Die Entdeckung hätte aus medialer Sicht zu keinem passenderen Zeitpunkt kommen können. Bereits im Jahrhundert davor begann befeuert durch immer mehr sensationelle Funde eine wahre Ägyptomanie durch Europa zu rollen. Das ging so weit, dass in wohlhabenden Haushalten immer wieder sogenannte Mumienparties abgehalten wurden, wo zu Snacks und Smalltalk erstandene Mumien ausgewickelt wurden. Auch das schon vor der Manie bekannte Mumia feierte ein Comeback – es ist ein Pulver aus zermahlenen Mumien, das als angebliches Heilmittel oder Pigment in der Malerei verwendet wurde. All das war nicht nur makaber, sondern führte auch zum unwiederbringlichen Verlust wertvoller Kulturdenkmäler.

Auf der Welle dieses Hypes gelang nun der spektakulärste ägyptologische Fund überhaupt. Das mediale Interesse war entsprechend massiv. So sehr, dass die Fortschritte der Ausgrabung aufgrund permanenter Unterbrechungen durch Vertreter*innen der Presse ernsthaft beeinträchtigt wurde. Lord Carnavon, der Financier der Grabung, fand eine Lösung. Er verkaufte die alleinigen Rechte an der Story für eine Beteiligung an den durch sie erlösten Gewinne an die britische Times. Darauf folgte eine fast völlige Abriegelung der Grabungsstelle für alle Medienvertreter, außer jenen der Times. Die Sperre traf auch Archäolog*innen außerhalb von Carters Grabungsteam und die Kombination aus geprellten Journalist*innen und geprellter Fachwelt sorgte bald dafür, dass die ersten Gerüchte aufkamen.

Bereits früh war die Rede von angeblichen Flüchen, die das Grab beschützen sollten. Zunächst angeblich auf einer Tontafel, die allen potenziellen Grabräubern mit dem Tode drohte. Sie ist weder erhalten, noch wurde sie – oder etwas Ähnliches – bei den ansonsten penibel registrierten Funden dokumentiert. Auch wurde in einem Zeitungsartikel eine in den Boden gehauene Schutzformel gegen eindringenden Wüstensand einfach in einen tödlichen Fluch umgeschrieben. Der Boden war fruchtbar für eine ganz große Story. Es fehlte nur ein Katalysator.

Und der kam in Form des plötzlichen Todes Lord Carnavons. Er hatte sich beim Rasieren versehentlich einen Mosquitostich aufgeschnitten. Eine Infektion der Wunde griff bald auf mehrere Organe über und der gesundheitlich durch lange Lungenprobleme angeschlagene Lord Carnavon starb bald darauf in einem Spital in Cairo. Nicht lange nach seinem letzten Besuch im Grab.

The (urban) legend is born

Ausgerechnet Sir Arthur Conan Doyle, Schöpfer des legendären Detektivs Sherlock Holmes und aktives Mitglied in der spiritistischen und esoterischen Szene goss daraufhin Öl ins Feuer und stellte in den Raum, Lord Carnavon könnte durchaus von „bösen Elementen“ getötet worden sein, in die die alten Ägypter viel mehr Einsicht gehabt hätten, als zeitgenössische Menschen. Die Story war perfekt und Zeitungen von aller Welt - allen voran die Times - nahmen sie gierig auf. Immer mehr Gerüchte befeuerten den mittlerweile unaufhaltsamen Teufelskreis aus Fehlinformation und Sensationslust. Lord Carnavons Sohn zum Beispiel berichtete, dass der Hund seines Vaters zur exakt selben Zeit verstorben sei, wie sein Herrchen. Er war zu dieser Zeit aber in Indien und konnte davon bestenfalls aus zweiter Hand erfahren haben. Außerdem hatte er den Berichterstattungsdeal seines Vaters geerbt. Die Story weiter zu befeuern war also finanziell durchaus in sowohl seinem als auch im Interesse der Times.

Jedes Unglück, das im weitesten Umfeld der Grabung stattfand, stand nun im Verdacht, durch den Fluch des Pharaos verursacht worden zu sein. Stromausfälle in Cairo zum Beispiel – zu dieser Zeit alles andere als eine Seltenheit – wurden öfters Tutanchamuns Zorn in die Schuhe geschoben. Noch schlimmer war es mit Todesfällen. Sofort war die Rede vom nächsten Opfer des Fluchs. Tatsachen wie, dass ausgerechnet Howard Carter selbst, der mit Abstand aktivste Störer der Grabruhe, lange nach der Ausgrabung friedlich in seinem Bett verstarb, änderten daran nichts.

Die Hysterie hatte auch durchaus reale Folgen. Es gab vereinzelte Selbstmorde im Umfeld der Grabung, die in Zusammenhang mit der allgegenwärtigen Paranoia des Fluchs standen. Unmengen von Briten schickten in der Angst, auch von einem Fluch getroffen zu werden, ihre zusammengekauften ägyptischen Artefakte an Museen – eine der wenigen durchwegs positiven Folgen.

Das Sujet des Fluchs des Pharaos erwies sich als erstaunlich zäh. Auch viele Jahrzehnte später flammte es immer wieder auf, wenn Tutanchamuns Mumie untersucht oder die Sammlung bewegt wurde. Aber was war nun wirklich dran?

Ein nüchterner Blick

Die Todesfälle, die in Zusammenhang mit dem „Fluch“ gebracht wurden, betrafen überwiegend ältere und oftmals kranke Menschen. An der Grabung waren Unmengen von Leuten beteiligt. Dass in den Jahren danach ein gewisser Prozentsatz davon verstirbt, ist statistisch hoch wahrscheinlich. Auch die generelle Idee des Grabfluchs wackelt. Es sind uns zwar ägyptische Grabflüche, die Grabräuber abwehren sollten, erhalten, aber sie sind sehr selten und fast ausschließlich in den Gräbern von mittelständischen Personen zu finden. Pharaonengräber hatten Grabkulte mit zahlreicher Priesterschaft und entsprechendem Sicherheitsaufgebot. Grabräuber waren - zumindest solange diese Kulte aktiv blieben – hier einfach kein reales Problem. Und Pharaonen gingen wohl davon aus, dass ihre Untertanen nie aufhören würden, sie zu verehren…

Es wurde auch immer wieder der Versuch unternommen, die Geschichte vom Fluch des Pharaos wissenschaftlich zu erklären. Es gab beispielsweise die Theorie, die Artefakte wären von der Priesterschaft mit Gift beschmiert worden. Oder es wären bewusst Schimmelpilze oder Bakterien ausgesetzt worden, um Eindringlinge abzuwehren. Aber weder Gift noch Bakterien noch Sporen hätten die fast 3,5 tausend Jahre überstanden, die das Grab unberührt lag.

Um gleich mit anderen aus Indiana Jones und Co geborenen Mythen aufzuräumen: Es gab auch keine Fallen in altägyptischen Gräbern. Es gab Scheinkammern als Ablenkungsmanöver, aber rollende Steine und Pfeile, die aus den Wänden schossen sind Phantasieprodukte. Und selbst wenn es sie gegeben hätte, hätten sie wohl kaum die Jahrtausende funktionierend überstanden.

Unterm Strich bleibt also nicht viel übrig vom Fluch, außer einem perfekten Sturm aus Aberglauben und Sensationssucht. Unter Ägyptologen kam für Verschwörungstheoretiker rund um ägyptische Grabstätten daher bald der Ausdruck „Pyramidiot“ auf.

Von Gregor Schwayer
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