„Das war ein Bämmbummbuff-Erleuchtungsmoment“

Maria Anna Schwarzberg ist das Gesicht hinter dem Podcast „Proud to be Sensibelchen“. Fast ein Jahr ist es her, seitdem sie im Wochentakt Sendungen über Hochsensibilität und Emotionalität produziert. Es hat nicht lange gedauert, bis sich Maria Anna, die selbst hochsensibel ist, im Netz einen Namen gemacht hat. Wir haben mit ihr über Freud und Leid im Internet gesprochen... (Teaserfoto Credit: Candy Szengel)

Von Franziska Windisch
Am
Lesezeit 11 Min

Wieso ein Podcast über Hochsensibilität?

Das rührt daher, dass ich selber hochsensibel bin und mit 25 ein Burnout hatte. In so jungen Jahren an einem Burnout zu erkranken, das ist doch ungewöhnlich. Deshalb habe ich begonnen mich sehr viel mit mir, meiner Gesundheit, gerade auch meiner psychischen Gesundheit auseinanderzusetzen. Im Zuge dieser Auseinandersetzung habe ich dann auch herausgefunden, dass ich selbst hochsensibel bin und das war so ein bämmbummbuff-Erleuchtungsmoment. Zu begreifen, dass das ein Teil von mir ist, ein großes, wichtiges Persönlichkeitsmerkmal, das mich prägt und ausmacht. Zu Hochsensibilität gab es jedoch relativ wenig Information. Vor allem wenig darüber, wie ich es als Chance sehen kann, wie ich eigenverantwortlich damit umgehen kann und es für mich positiv nutzen kann. So ist die Idee zu „Proud to be Sensibelchen“ entstanden, wo es ja auch in der Namensgestaltung schon um das „Proud to be“, also das Stolz sein auf die Hochsensibilität, geht. Ich hab mich dann dafür entschieden, das in Form eines Podcasts zu machen, da das ein Thema ist, dass man besser Bereden als Beschreiben kann. Und es ist schön zu sehen, wie das Projekt wächst und wächst, und immer mehr in der Gesellschaft ankommt. Es ist eine richtige kleine Community daraus entstanden, die sich unterstützt und ein bisschen füreinander einsteht.

Was glaubst du, ist dein Erfolgsrezept? Hast du da eine Lücke im makellosen Instagram-Himmel gefüllt?

Ja, das glaub ich auf jeden Fall. Das ist auch eine der Nachrichten, die mich am häufigsten erreichen. Dass ich kein weitentfernter spiritueller Guru bin, sondern das ich immer noch greifbar bleibe. Ich versuche immer wieder aufs Neue diese Büchse der Pandora zu öffnen, in dem ich zeige, dass nichts Schlimmes passiert, wenn wir uns verletzlich zeigen. Ich möchte dem Gefühlezeigen ein bisschen die Scham nehmen. Ich weiß, dass das auch immer noch untypisch ist. Alle wollen immer dieses spezielle Einhorn sein. Jemand, der alles kann, immer Leistung bringt, pausenlos funktioniert. Auf Instagram ist das natürlich extrem: Wenn man nicht gut ausgewählt hat, beim eigenen Feed oder selbst bei den Vorschlägen, wird einem suggeriert, dass man alles haben kann: eine unfassbar schlanke Figur mit guter Ernährung und beruflichem Erfolg, und Familie und dabei noch um die Welt zu reisen. Das führt natürlich zu mordsmäßigem Stress, zu Ausgebranntheit, einer völligen Bestimmung von außen, weil wir dieser Karotte nachlaufen, wenn ich alles habe, dann bin ich glücklich. Und das ist natürlich kein guter Gedanke, weil man das alles so nie erreichen wird, und selbst wenn man es erreicht, wird man am Ende feststellen: Ja, und jetzt?

Und die Alternative?

Eigentlich geht es ja um unser Inneres und darum, was wir eigentlich wollen und was unsere Bedürfnisse sind, und natürlich die Frage: Will ich das wirklich und was ist das, was ich mir innerlich wünsche, was sind meine Ziele und meine Werte im Leben? Wer bin ich, wer war ich als Kind und wer möchte ich zukünftig sein? Es ist schön mitanzusehen, wie immer mehr Menschen auf Instagram auch mit großer Reichweite ihr normales Leben teilen, ihre psychischen Probleme ansprechen, ihre – ganz persönlichen – körperlichen Makel zeigen. Ich möchte, dass sich das weiter verbreitet. Also stolz darauf zu sein, sensibel zu sein und diese Gefühle in dieser Gesellschaft des Höher-Schneller-Weiter nicht als Schwäche zu sehen. Deshalb zeige ich auch gerne, wenn es mir nicht so gut geht, weil ich damit mir und auch anderen, denen es gerade ähnlich geht und die sich damit identifizieren können, helfe.

Was sind deine Tipps, um mit diesen Erwartungen, die da auf einen einprasseln, umzugehen?

Ich bin da schon jemand, der stark an Eigenverantwortlichkeit appelliert. Alles, was bei dir ein negatives Gefühl hinterlässt, dem entfolge. Guck dir das nicht an, denn das macht einfach keinen Sinn. Folge stattdessen Menschen, die dir ein gutes Gefühl geben, bei denen du auf angenehme Art und Weise verbunden fühlst. Wenn du das in den Leben lässt, und das andere rausstreichst, würde ich zusätzlich noch auf den Zeitfaktor achten. Es ist nicht zu unterschätzen, wie viel Zeit man am Ende des Tages am Handy verbracht hat. Da gibt es auch spezielle Apps, die das dokumentieren. Ich selbst hatte schon öfters das Gefühl, es nimmt Überhand und hab dann mal wirklich mitgezählt. Ich war schockiert, als ich realisiert habe, dass ich drei oder vier Stunden täglich am Handy war. Wenn ich das hochrechne,  auf eine Woche oder ein Monat, dann brauch ich mich nicht wundern, dass ich keine Zeit habe für Dinge, die mir guttun. Ich hab das dann drastisch runtergeregelt, habe die Benachrichtigungen ausgeschaltet. Das sind vier Tipps, die den Umgang mit Social Media leichter machen. Und der fünfte ist natürlich, ganz ganz wichtig, sich mit sich selbst zu beschäftigen, immer nach dem Warum dahinter zu fragen, danach, was einem das gerade gibt, warum man das eigentlich anguckt.

Auch ich habe immer noch oft das Gefühl, dass ich mich zu lange damit beschäftige, es mich irgendwie stresst oder ich mir gedacht habe, ich müsste jetzt etwas hochladen. In solchen Momenten lege ich lieber kurz das Handy weg und überlege dann noch mal, was ich poste und warum ich das gerade tue.

Und wie gehst du mit der Kommunikation dahinter um?

Das Posten ist die eine Sache, das ist Normalität, das kann man auch ganz gut kontrollieren, aber was tatsächlich viel Zeit einnimmt, das sind die Kommentare und vor allem Nachrichten. Bei den Themen, die ich so behandle, sind es vor allem Nachrichten, weil nicht jeder sich in den Kommentaren äußern möchte, und das ist schon ein Zeitpegel, der nicht zu unterschätzen ist. Das sind schon täglich Nachrichten, fast im dreistelligen Bereich. Ich nehme mir etappenweise Zeit dafür, gehe zum Beispiel morgens einmal rein und dann gehe ich nachmittags nochmal rein. Hier mit gezielten Zeiten zu arbeiten, und hat nicht ständig dieses Zwischendurch rausgerissen werden. Es ist ja so, dass unser Gehirn überhaupt erst mal 20 bis 30 Minuten braucht, ehe es einen Fokus aufbauen kann, und wenn es rausgerissen wird, dann funktioniert gar nichts mehr.

Hat Social-Media in diesem Kontext eine Stärke, die die Offline-Welt nicht hat?

Ja, auf jeden Fall. Ich mache immer den Witz: Wo trifft man uns Nerds und Grandmas, die gerne zuhause sind, die gern lesen, diese Menschen trifft man ja nicht wie andere auf Partys und Massenveranstaltungen, weil die ja auch tendenziell gemieden werden. Und da ist das Internet einfach ein reiner Segen, weil wir uns nämlich alle über Social Media und dieses Internet gefunden haben und das ist etwas, wofür ich das Internet auch sehr, sehr schätze. Darüber finden auch diese Menschen zusammen und es erleichtert natürlich auch den Austausch, wenn man schreibt und das Medium eine gewisse Anonymität mit sich bringt. Das sind so zwei Punkte, die es Hochsensiblen oder generell Introvertierten oder psychisch angeschlagen Menschen leichter macht, sich überhaupt zusammenzufinden und sich auszutauschen. Und dafür wirklich auch ein Prost auf das Internet.

Hast du Themen oder Dinge, bei denen du sagst, die gehören für dich nicht ins Netz?

Es gibt einen schmalen Grad dabei, Persönliches oder Privates zu zeigen. Ich zeige sehr viel Persönlichkeit, lasse die Menschen gerne an meinen Gedanken teilhaben, aber an meinem Privatleben nur soweit ich es möchte und das ist auch echt nur ein Stück weit. Ich versuche zum Beispiel meine Beziehung ein bisschen rauszuhalten.

Bist du konfrontiert mit Hasskommentaren?

Ich finde es immer wieder extrem spannend, dass Hass bisher bei „Proud to be Sensibelchen“ nicht stattfindet und das finde ich sehr beeindruckend. Ich habe mal für ein großes Magazin als Redakteurin gearbeitet, und da wurde ich natürlich mit Kommentaren in einem unfassbaren Ausmaß konfrontiert. Es hören unfassbar viele Menschen den Podcast, viele von ihnen kommentieren auch und alles, was zurückkommt, ist positiv, liebevoll, gemeinschaftlich. Ich glaube auch, dass das mit daran liegt, wie ich hinaustrete, dass ich selber ein sehr positiver Mensch bin, der sich ja auch verletzlich macht und da man weiß genau, da steht ein Mensch dahinter, und den würde ich quasi angreifen, wenn ich beleidigend sein würde. Hass fängt an einen zu beeinflussen, in dem, was man tut. Das man überlegt, ob man etwas postet, und schon diese Angst hat, man könnte wieder etwas lostreten. Ich kenne das aus anderen Kontexten auch, aber bei bei „Proud to be Sensibelchen“ sind wir bis jetzt hassfrei und das ist echt schön. Im Moment kann ich nach Bauchgefühl entscheiden, ob ich etwas teilen möchte. Manchmal bin ich mir selbst unsicher mit Texten, weil sie meine Abgründe aufzeigen und mit meinen Ängsten bestückt sind. Aber das sind dann Entscheidungen, die ich für mich treffe. Ich bin wirklich sehr froh über meine Community.

Kannst du etwas über deine Zielgruppe sagen?

Das sind vor allem Frauen zwischen 24 und 35 Jahren. Es ist vor allem Menschen, die nicht nur hochsensibel sind, sondern die sich generell mit Themen beschäftigen, die so ein bisschen über den Tellerrand hinausgehen wie Ernährung, Nachhaltigkeit. Also die sich sehr viel mit Sinnfragen beschäftigen und darauf schauen, wie können sie sich und anderen Gutes tun.

Glaubst du, dass die Zielgruppe und die seltenen Hasskommentare zusammenhängen?

Gerade bei so „Personal Brands“, wie ich das ja eine bin, zieht man natürlich vor allem sich selber und sein jüngeres Ich als Zielgruppe an. Das ist natürlich sehr schön, weil man sich selbst sehr gut damit identifizieren kann und sich wiederfinden kann. Ich weiß aber auch von anderen Menschen, die dasselbe machen, dass das dann irgendwann kippt. Da gibt es so eine bestimmte Followerzahl, das ist irgendwo zwischen 25.000 und 35.000 Follower*innen. Ich hab keine Ahnung warum, aber es fällt mir immer wieder auf, dass das der Punkt ist, wo das dann kippt, wo die Menschen offensichtlich der Meinung sind, jetzt können sie ihren Bullshit raushauen. Das ist aber nur meine persönliche Erfahrung.

Gibt es ein Erlebnis auf deinen Kanälen, an das du dich besonders erinnerst, das besonders schön war und vielleicht auch ein bisschen stellvertretend für deine Kanäle steht?

Ich erinnere mich daran, als ich das erste Mal ein Bild veröffentlicht habe, darunter über meine Hochsensibilität geschrieben habe, da hatte ich Bedenken und Sorge und war nervös. Ich habe das Handy weggelegt und als ich Stunden später gesehen habe, dass das das beliebteste Foto meines Kanals geworden ist und ich unendlich viele, nicht nur Kommentare, sondern auch E-Mails erhalten habe, da habe ich gedacht, dass da wirklich ein Verlangen besteht, eine Lücke gefüllt gehört. Und dass ich das auch zu meinem Thema machen sollte.

Von Franziska Windisch
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