Das Einmaleins der Untoten und wie man sie abwehrt

Vampire, Zombies, Ghule… unsere Popkultur ist voller lebender Toter. Manche von ihnen gehen auf jahrtausendealte Mythen zurück und bieten einen faszinierenden Einblick in das Todesverständnis unserer Vorfahren. Wir stellen euch heute eine Auswahl samt einiger damals gängiger Gegenmaßnahmen vor. Sicher ist sicher. Den Knoblauch könnt ihr jedenfalls zuhause lassen!

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 8 Min

Nachzehrer

Die häufigste Vorstellung von Untoten in unseren Breiten waren die Nachzehrer. Am ehesten kann man sie sich als eine Spielart von Vampir vorstellen, die sich aus dem Grab heraus von der Kraft der Lebenden ernährt haben sollen. Das waren meistens die nähesten Angehörigen, aber mitunter auch das ganze Dorf oder die ganze Stadt – so waren sie manchmal Sündenböcke für den Ausbruch von Seuchen. Dieses „Nachzehren“ geschah angeblich, indem sie an ihren Leichentüchern oder sogar ihren eigenen Armen kauten. Erkennen konnte man einen Nachzehrer daran, dass seine Haare und Fingernägel nach dem Tod weiterwuchsen und daran, dass ein Auge und/oder der Mund offenstanden. Gerade die Idee der weiterwachsenden Haare und Nägel hält sich mitunter noch in heutigen Urban-Legends und war fixer Bestandteil der meisten Untoten-Mythen von hier bis China. Sie ist leicht zu widerlegen: Nach dem Tod vertrocknet das Gewebe an Händen und Stirn und zieht sich zurück – dadurch entsteht der Anschein weiteren Wachstums. Auch offene Augen und Münder sind mit heutigem Wissen leicht durch Verwesungsprozesse zu erklären, aber aus damaliger Sicht eine nachvollziehbare Basis für unheimliche Mythen.

Aber keine Angst, es gab eine weite Palette an Gegenmaßnahmen! Die einfachste war schlicht, die verdächtige Leiche bäuchlings zu begraben. Außerdem musste beim Verschließen der Augen und des Mundes vor der Bestattung besondere Sorgfalt an den Tag gelegt werden. Auch beliebt war die Beigabe einer großen Menge kleiner Gegenstände wie beispielsweise Körner. Nachzehrer mussten diese zählen, bevor sie ans Werk gehen konnten. Dieses Sujet zieht sich auch durch die „klassischen“ Vampirvorstellungen und sogar Sagen über den Teufel. Bei vermuteten bereits „aktiven“ Nachzehrern waren die Methoden dann mitunter schon hantiger: Köpfen oder sogar Verbrennen des Leichnams kam dann durchaus vor.

Aufhocker

Sehr viel physischer ging es beim auch vor Allem in Deutschland verbreiteten Mythos des Aufhockers zu. Rastlose Tote, die den Lebenden auf den Rücken sprangen und dann mit jedem Schritt schwerer auf ihnen lasteten, bis die Opfer entweder befreit wurden oder an Erschöpfung starben. Auffällig ist, dass auch hier das schrittweise Ermatten der Lebenden das zentrale Thema ist. Loswerden konnte man Aufhocker, indem man sie zu ihrem „Ziel“ (oftmals ihrem Grab) brachte, ohne unterwegs zusammenzubrechen oder durch das Aufsagen von Gebeten. Auch das Geläut von Kirchenglocken beendete den Spuk. Eventuell, weil sie im wahrsten Sinne des Wortes das Ende der Nacht und damit das Ende der Zeit der Untoten einläutete.

Myling

Der Myling ist ein weiterer Beweis dafür, dass Folklore oftmals noch viel düsterer sein kann, als die Horrorgestalten, die in modernen Adaptionen aus ihr entstanden. Ein Myling ist in der schwedischen Mythologie die untote Inkarnation eines ungewollten Kindes, das nach der Geburt ohne Taufe getötet und versteckt wurde. Das so um sein Seelenheil gebrachte Kind sucht seine improvisierte Grabstätte heim und kann großes Unheil über seine Nachkommen bringen. Beenden kann man den Spuk, indem man dem Baby gibt, was ihm vorenthalten wurde: einen Namen – also eine Art posthume Taufe – und ein Begräbnis in geweihter Erde. Ein Beispiel für einen Myling in jüngerer Popkultur findet sich in The Witcher 3.

Vampir

Ganze Bücher ließen sich über den bekanntesten und beliebtesten aller Untoten füllen – wir konzentrieren uns auf die wichtigsten Unterschiede zwischen der heutigen Variante und dem vor allem in Osteuropa bekannten Vorbild. Bluttrinken ist zunächst einmal eine sehr spät hinzugefügte Spielart des Mythos. Der „klassische“ Vampir - sofern man davon sprechen kann – hat sich in der Regel eher diffus von „Lebenskraft“ ernährt wie sein Pendant der Nachzehrer. Er war allerdings proaktiver und hat die Gruft dafür verlassen. Auch die Geschichte von der Verbreitung des Vampirismus via Biss ist eher jungen Ursprungs. Vampir wurde man eher durch eine unglückliche Verkettung von Umständen und erst nach dem Tod. Wer zu Lebzeiten als böse galt, einen tragischen Tod gestorben ist oder einfach der erste Tote in einer Kette von Toden war, konnte unter den Generalverdacht fallen, ein Vampir zu sein oder zu werden. Und bei vermuteten Vampiren waren die Hinterbliebenen mitunter auch alles andere als schüchtern bei der Wahl der Gegenmaßnahmen. Zahlreiche sogenannter Vampirbestattungen in Osteuropa belegen das. Leichen wurden mit Gegenständen beschwert, um sie am „auferstehen“ zu hindern, Sicheln wurden an ihre Hälser gelegt, damit sie sich beim Aufrichten selbst „köpften“, Herzen wurden entfernt oder gepfählt, Sehnen durchtrennt, um sie zu bremsen und schwere Steine wurden in die geöffneten Kiefer gelegt. Auch hohe Geburt schützte vor solchen Vampirverdächtigungen nicht. Einen solchen angeblichen Celebrity-Vampir werden wir diesen Monat noch genauer ansehen.

Jiangshi

Diese chinesische Variante des Untoten ist besonders interessant, da sie sehr viele Parallelen mit ihren europäischen Cousins und Cousinen aufweist und damit unterstreicht, dass Untote Ausdruck einer gesamtmenschlichen Angst sind. Jiangshi heißt wörtlich übersetzt „steifer Toter“, da die „Verwandlung“ meist nach der Totenstarre eingesetzt haben soll. Nach taoistischer Auffassung besitzt jeder Körper zwei Spielarten der Seele – eine gute und eine böse. Im Idealfall gehen nach dem Tod beide in die für sie vorgesehenen Arten von Jenseits über. Wenn aber etwas schieflief, also beispielsweise keine ordentliche Bestattung vorgenommen wurde, konnte es passieren, dass der dunkle Teil der Seele in unserer Welt zurückblieb und in den Körper des oder der Verstorbenen fuhr. Da diese verlorenen Seelen kaum noch Kraft übrighatten, mussten sie sich von der der Lebenden ernähren. Klingt bekannt, oder? Auf der Suche nach der nächsten Mahlzeit bewegten sich die Jiangshi dann ihrem Namen entsprechend ungelenk und ruckartig durch die Welt. Die Ähnlichkeiten zu unseren Untotenmythen hören aber nicht bei Entstehung und „Ernährung“ auf. Auch einige der Gegenmaßnahmen sind vergleichbar. So soll das Krähen eines Hahns sie abgeschreckt haben – wie bei uns die Kirchenglocken ein Symbol für den dämmernden Tag. Um sie zu bremsen soll es hilfreich gewesen sein, ihnen Münzen vor die Füße zu werfen, weil sie diese zählen mussten. Als letzter Ausweg galt auch bei Jiangshi Feuer. Anders als die moderne Auffassung europäischer Vampire konnten Jiangshi sich allerdings nicht nur in Spiegeln sehen, sie sollen auch panische Angst vor ihrem Spiegelbild gehabt haben.

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 8 Min

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