"Conversations with a Killer: The Ted Bundy Tapes": Serienkiller vs Serien-Killerin

Ich bin krank. Also so richtig mit Schnupfen, Husten, Kopf- und Gliederschmerzen. Ich schlaf auch sehr viel... und wenn ich nicht schlafe, dann naja, was mach ich da? Netflix and ill quasi.

Von Monika Ertl
Am
Lesezeit 7 Min

Aus Tradition (Ich bin sehr oft krank.) baller ich mir die heiße Birne mit Thrillern zu. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob die Wurzel darin liegt, dass ill auch in thrill steckt (und ich das besonders witzig fand) oder, ob ich so besonders erschreckende Fieberträume erzielen wollte.

Einer Serien-Killerin (Tschuldigung, ich konnts mir nicht verKNIFEn), wie ich eine bin, wird natürlich auch der Internet-Algorithmus entsprechend angepasst und so wurde mir auch die neue Serienkiller-Serie „Conversations with a Killer: The Ted Bundy Tapes“ vorgeschlagen.  Man hat ja nichts zu verlieren, außer viereinhalb Stunden Lebenszeit, aber wenn man krank ist, dann verstreichen die so gut wie harte Butter auf zu weichem Weißbrot, also ist es eigentlich auch schon egal: Ich drücke auf Play! Lasset die Spiele beginnen.

Wer war Ted Bundy?

Bundy, in dürftigen Umständen aufgewachsen, geht im nordwestlichen US-Bundesstaat Washington aufs College, beginnt und bricht mehrere Studien ab. Das Psychologie-Studium schließt er aber ab und darf sich von nun an offiziell „Psycho“ nennen. Nach einer unglücklichen Liebesgeschichte stürzt er sich Anfang der Siebziger in mehrere Beziehungen. Eine seiner Freundinnen ist Elizabeth Kloepfer, sie kennen sich seit 1969. Zur gleichen Zeit verschwinden im Umkreis von Seattle plötzlich junge Frauen.

Eine Studentin macht sich zu einem Konzert auf, kommt aber nie an. Eine andere verschwindet auf dem Weg ins Kino, eine auf dem Weg ins Café, eine nach einem Kneipenbesuch, eine mitten auf dem Campus, zwei andere am helllichten Tag an einem belebten Strand. Eine weitere wird im Bett mit einem Stahlrohr halb totgeschlagen. Sie ist die Einzige, die Bundy überlebt und das nur durch einen Zufall.

Mehr als ein Jahrzehnt wurde nach ihm gefahndet, von Oregon bis nach Florida. Man hat ihn verhaftet, wieder laufen lassen, wieder geschnappt, angeklagt und dreimal zum Tode verurteilt. Sein Fall füllte Titelseiten, TV-Sendungen und eine dicke Akte beim FBI, das ihn zu einem der zehn meistgesuchten Killer der Nation ernannte und ein Kopfgeld von 100.000 Dollar auf ihn ansetzte. Offiziell gestand Bundy 30 Morde in sieben US-Staaten, von 1974 bis 1978. Die wahre Zahl dürfte viel höher liegen, womöglich waren es sogar mehr als 100.

Bücher wurden über ihn geschrieben und Doktorarbeiten verfasst. Krimiautor Thomas Harris nimmt ihn als Vorlage für "Buffalo Bill", den Killer in seinem von Hollywood verewigten Psychothriller "Das Schweigen der Lämmer".

In vier Akten wurde die Akte „Bundy“ durch einen wilden Mix an Sprachmemos Bundys (Ja, die gab es auch schon vor WhatsApp.), Aufzeichnungen der Gerichtsverhandlungen und Interviews von Menschen, die mit ihm zu Lebzeiten in Berührung kamen, nacherzählt. Eigentlich wurde aber eher aktiv an der Mystifizierung eines Mythos gearbeitet. Immer wieder wird auf Bundys gutes Aussehen verwiesen. Er sei „ein ganz normaler Kerl, dem man mit gutem Gewissen seine Schwester oder Tochter als Frau anvertrauen würde.“

Killerargumente

Nach der Dokumentation wird vor allem eines klar: Bundy war ein absolut widerlicher Narzisst, der die Aufmerksamkeit um seine Person liebte. Dass Generationen und Nationen über ihn reden, würde ihm einen fetten Grinser auf die dünnen Lippen hauen. Er überschätzte sich absolut selbst. Sogar so sehr, dass er sich – mit der Hilfe von drei Anwälten – selbst verteidigte, obwohl er keine abgeschlossene juristische Ausbildung vorweisen konnte. Er spielte mit den Leuten. Ihm wurden permanent Privilegien eingeräumt. Ich mein, das muss man sich erst einmal vorstellen: Du überlebst, musst vor Gericht aussagen und triffst dabei nicht nur auf deinen Peiniger, sondern wirst von diesem auch noch verhört. Bundy holte auch den Polizisten in den Zeugenstand, der einen der vielen Tatorte sicherte, und ließ sich immer wieder ganz genau diesen beschreiben. Er missbrauchte den armen Kerl, um einfach in das damalige Gefühl rückversetzt zu werden.

Als Krone auf der Kirsche für diesen Prozess sorgte der Richter aber selbst: Bei der Verurteilung beteuerte er, dass dies kein persönliches Urteil sei, da er keine negativen Gefühle gegen Bundy hege und diesen gern als Anwalt in seinem Gerichtsaal gesehen hätte. Bei dieser Aussage musste ich erst einmal ein bisschen kotzen und das nicht, weil ich mir auch noch einen Magen-Darm-Virus eingefangen habe. Wie gestört ist das? Hätte der Richter solche Worte auch gefunden und ausgesprochen, wenn die Hautfarbe Bundys eine andere gewesen wäre oder er gar ein anderes Geschlecht hätte? (#WhitePrivilegedMan)

Die gleiche Frage stellt sich auch bei seinen Fluchtversuchen: Wie kann es sein, dass ein Mörder seiner Gewichtsklasse (Anm.: Nein, ich betreibe damit kein Bodyshaming. Lieb nur den Ausdruck. Danke dafür, Papa!) ohne Handschellen, unbeaufsichtigt in einem gitterlosen Raum befindet? Bundy konnte so easy aus dem Fenster springen und in die Wälder flüchten.

Oder auch, dass es geduldet wurde, dass er mit seiner Frau (Ja, der Lustige machte ihr, während sie für ihn aussagte, einen Heiratsantrag und vertagte durch die Hochzeit auch den Tag seiner Verurteilung) im Gefängnis ein Kind zeugen konnte.

Und was ich eigentlich am schlimmsten finde: Dieses Arschloch hat diese Aufmerksamkeit und diesen Artikel nicht verdient. Ich spreche mich hiermit gegen das mystifizieren von Ungeziefer aus und greife von nun an, wenn ich „gekränkt“ bin zum Buch (Ha! Aber nicht zu „The Phantom Prince: My Life with Ted Bundy“ oder „Ted Bundy: The Killer Next Door“.)!

Von Monika Ertl
Am
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