Chinas neuer Wohlstand

Chinas Mittelstand wächst. 2002 zählte er nur etwa 4% der riesigen Gesamtbevölkerung des Landes, mittlerweile gehören insgesamt gut 38% entweder der unteren oder oberen Mittelschicht an. Das sind natürlich zunächst einmal gute Nachrichten, wenn in einem Land, in dem noch vor etwas mehr als 50 Jahren zwischen 20 und 42 Millionen Menschen einer furchtbaren Hungersnot zum Opfer gefallen sind, heute seinen Bewohnern ein wesentlich höheres Maß and Versorgungssicherheit bieten kann. Aber es stellt auch sowohl China selbst, als auch den Rest der Welt vor gehörige Herausforderungen.

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 7 Min

Mit dem Wohlstand steigen nämlich auch die Bedürfnisse. Während sich zum Beispiel die überwiegend ärmere rurale Bevölkerung Chinas größtenteils pflanzlich ernährt, hat der neue Mittelstand einen immer größer werdenden Appetit auf tierische Produkte. Das strapaziert die Ressourcen. Die Herstellung von Fleisch verbraucht wesentlich mehr Platz und vor allem Wasser als die Herstellung pflanzlicher Nahrung. Von den involvierten Treibhausemissionen ganz zu schweigen. Und es ist nicht nur die Ernährung, die betroffen ist. Generell ist der Bedarf an Konsumgütern in weiten Teilen Asiens in den letzten Jahrzehnten explodiert. Das ist nur natürlich, viele Schwellenländer vollziehen gerade im Eiltempo die industrielle Entwicklung nach, die der „Westen“ bereits abgeschlossen hat. Ein ähnliches Phänomen kann auch in der Bevölkerungsentwicklung beobachtet werden. Wenn sich also innerhalb kürzester Zeit die Lebensverhältnisse hunderter Millionen Menschen immer mehr den hohen und ziemlich verschwenderischen Standards der USA und Europas angleichen, ist das zwar aus sozialer Sicht zu begrüßen, aus ökologischer Sicht aber eine ernstzunehmende Krise.

Am ersten August 2018 war World Overshoot Day. So früh wie noch nie. Das ist der Tag, an dem die Menschheit die Menge an Ressourcen verbraucht hat, die die Erde in diesem Jahr regenerieren kann. Wir betreiben also seit dem ersten August Raubbau an unserem Planeten. Das ist generell nichts Neues, wir tun das seit 1971, aber das Ausmaß ist seitdem beinahe jedes Jahr gestiegen und die Folgen werden immer schlimmer. Für China aber ist diese Frage besonders kritisch, da es von Haus aus Probleme mit Knappheit vieler vitaler Ressourcen hat. Es ist circa genauso groß wie die USA, beherbergt aber dreieinhalbmal mehr Menschen. Auf die 20% der Menschheit, die in China leben, kommen gerade einmal 7% des weltweiten Trinkwassers. Dazu kommen topographische Probleme, da weite Teile des Landes ausgesprochen unwirtlich sind.

je dünkler der Rotton, desto höher die Bevölerungsdichte.

Der Löwenanteil der Bevölkerung lebt in den Städten, die sich großteils in den extrem fruchtbaren Landstrichen nahe der Küste befinden. Ebendiese Landschaften schultern seit Jahrtausenden den Großteil der Nahrungsproduktion Chinas. Entlang des Yangtse Flusses herrschen so ideale klimatische Verhältnisse, dass in der Regel zwei Fruchtfolgen im Jahr angebaut werden können. Dem stehen im Norden und im Westen aber riesige Flächen karger Trockengebiete und Gebirge gegenüber. Die immer intensivere Land- und insbesondere Viehwirtschaft in den geeigneten Gebieten wirkt sich katastrophal auf die Umwelt aus. Der große Bedarf an Schweinefleisch sorgt beispielsweise dafür, dass immer mehr Bauern Schweine züchten – der von ihnen erzeugte überschüssige Mist landet oftmals einfach in Flüssen und sorgt so für einen Überschuss an Nährstoffen in Seen und Küstengebieten. Die folgenden Algenblüten belasten die Fischerei.

Und trotz aller intensiver Bewirtschaftung kann sich das riesige Land nicht selbst ernähren und ist auf Importe angewiesen.

China ist sich dieser Probleme durchaus bewusst. Genug Politiker können sich noch an die Hungersnot von 1958 ernähren und entsprechend werden Maßnahmen gesetzt, um eine Wiederholung zu verhindern. Auf der innovativen Seite stehen riesige Investitionen in erneuerbare Energien, wie beispielsweise Solarenergie, um die Folgen von Umweltverschmutzung und Klimawandel zu dämpfen, die die Nahrungsmittelproduktion zusätzlich schädigen. In Relation sind diese aber ein Tropfen auf den heißen Stein – der Löwenanteil der chinesischen Industrie wird nach wie vor mit fossilen Brennstoffen befeuert, da das Land auf riesigen Kohlevorkommen sitzt.

Wesentlich mehr zu hinterfragen sind Chinas Bestrebungen im chinesischen Meer. Hier gibt es immer wieder Konflikte, da China teils im krassen Widerspruch zu internationalem Recht weitgehende territoriale Ansprüche erhebt und auch nicht davor zurückschreckt, diese durch das Aufschütten künstlicher Inseln samt Militärbasen zu zementieren. Eine wesentliche Triebfeder sind dabei mit großer Wahrscheinlichkeit die Fischereirechte.

Die Problematik der Ressourcenknappheit wird bei dem aktuellen Kurs, den wir fahren in jedem Fall nicht besser, sondern konstant schlechter werden. Bleibt zu hoffen, dass wir uns bei der Suche nach Lösungen eher an der innovativen, als auf der aggressiven Seite orientieren werden.

Von Gregor Schwayer
Am
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