Catch him if you can - Wie ein Mann sie alle täuschte

Man nannte ihn das Chamäleon. Frédéric Bourdin war ein Meister der Anpassung. So geschickt, dass es ihm mehrmals gelang sich als eine völlig andere Person auszugeben, die Polizei zu täuschen, die Familie hinters Licht zu führen. Von klein auf geübt und bis ins Erwachsenenalter perfektioniert, stellt er den wohl erfolgreichsten Hochstapler der Welt dar. Doch die beinahe vollendete Perfektion sollte in seiner bisher größten Scharade gipfeln. (Teaserfoto Credit: Francparler @ Wikipedia)

Von Helena Velaj
Am
Lesezeit 7 Min

Das vermisste Kind

San Antonio Texas, Juni 1994. Der 13-jährige Nicholas Barclay verschwindet nach einem Basketballspiel mit seinen Freunden spurlos. Die Familie schlägt nicht Alarm, er war ein schwieriges Kind, doch je mehr Zeit verging, desto verdächtiger wurde sein Verschwinden. Im Fall Nicholas gab es jahrelang keine Spur, keine Hinweise und auch keine Hoffnung, bis eines Tages ein Anruf aus Spanien die Familie erreichte. In einem Dorf sei Nicholas wieder aufgetaucht. Einsam und verwahrlost, aber wohlauf.
Der Junge telefoniert mit seiner Mutter in Texas und wird anschließend von seiner Schwester Carey in Spanien abgeholt, um gemeinsam in die USA zu fliegen.
Dass es sich nicht um Nicholas, sondern um Frédéric Bourdin handelt, wird bald auffallen.

In Texas angekommen, wird er von der Familie mit offenen Armen empfangen. Dass der sonst blonde und blauäugige Nicholas plötzlich braune Haare und braune Augen hat, scheint nicht verwunderlich: Bourdin hatte eine Erklärung dafür vorbereitet. Nach dem Basketballspiel mit seinen Freunden wurde Nicholas angeblich entführt und nach Europa gebracht, wo man ihn in ein Kinderbordell brachte. Seine Entführer änderten seine Augenfarbe und färbten ihm die blonden Haare braun. Englisch durfte er nie sprechen und wurde geschlagen, wenn er es tat, nur französisch wurde geduldet. Durch diese prägende Erfahrung soll aus dem lauten Nicholas, der ruhige pubertäre Junge mit französischem Akzent geworden sein.
Doch Bourdin ging noch weiter: Er studierte das Verhalten von Nicholas, er sah sich Fotos und Videos an, fragte nach Geschichten, imitierte Ticks, die der Junge gehabt haben sollte. Er feilte an seiner neuen Persönlichkeit.
Doch selbst der gekonnteste Hochstapler konnte die Fassade nicht für immer aufrecht erhalten.

Ein Geheimnis

Eines Tages kontaktierte ein TV-Sender Detektiv Charlie Parker in San Antonio und engagierte ihn, um für einen Bericht möglichst viel über den verloren geglaubten Jungen Nicholas Barclay herauszufinden. Nachdem er die Wohnwagensiedlung, in der Nicholas hauste, ausfindig machen konnte, tauchte Parker samt Kamerateam bei ihm auf. Beim Filmen erschienen Parker einige Details nicht korrekt: Der seltsame Akzent, den der Junge hatte, die abstruse Geschichte, die er erzählte und letztlich auch seine Ohren. Parker hatte gelesen, dass die Ohren einer Person genauso unverkennbar wie seine Fingerabdrücke sein sollten und obwohl Bourdins Ohren denen von Nicholas sehr ähnlich sahen, waren sie nicht deckungsgleich. Das Interesse war geweckt und Parker blieb an dem Fall dran.
Zeitgleich wuchs auch der Verdacht der FBI Agentin Nancy Fisher, die Bourdin bei seiner Anreise befragt hatte und “eine Ratte roch”. Sie und Parker taten sich zusammen, um gemeinsam an dem Fall zu arbeiten.

Als Bourdin 1998 vom FBI in Gewahrsam genommen wurde, packte er seine eigenen Beobachtungen aus. Er glaubte nicht, dass Nicholas plötzlich verschwunden sei, vielmehr sei die Familie in den Kriminalfall verwickelt gewesen. Die Barclays sollen seiner Meinung nach genau gewusst haben, dass es sich bei Bourdin nicht um den verlorenen Sohn gehandelt hat und trotzdem nahmen sie ihn so bereitwillig auf. Vielleicht, um etwas zu vertuschen? Jason, Nicholas Bruder, war seit seinem Verschwinden eigenartig gewesen, hatte Drogen konsumiert und sich in eine Entzugsklinik einweisen lassen. Seine Schwester Carey nahm an, dass ihn das schlechte Gewissen, Nicholas nicht vom Basketball abgeholt zu haben, plagte. Doch als der Junge plötzlich auftauchte wollte Jason ihn nicht sehen. Erst eineinhalb Monate nach seiner Ankunft kam er, um ihn zu besuchen und ließ sich danach nie wieder blicken. Bei der Befragung durch das FBI gab Jason spärliche Antworten. Als Parker ihn beschuldigte, seinen eigenen Bruder umgebracht zu haben, starrte er ins Leere. Einige Wochen später war Jason an einer Überdosis Kokain gestorben - er war seit einem Jahr clean gewesen.
Vor Gericht bekannte sich Bourdin schuldig des Meineids und der Benutzung falscher Dokumente. Seine Haftstrafe fiel auf sechs Jahre aus, wesentlich höher als es sonst der Fall war.

 

Was bleibt letztlich von Bourdin? Das Wissen über ihn ist spärlich. Er hat seine Identität zum Mythos gemacht. Seinen Angaben zufolge wuchs er in einem lieblosen Haushalt auf und strebte sein ganzes Erwachsenenleben danach, wieder ein Kind zu sein, das geliebt wird. Mehr als 300 Identitäten soll er im Laufe seines Lebens angenommen haben. Davon waren alle bis auf zwei frei erfunden. In Ländern, in denen er die Sprache nicht beherrschte, stellte er sich taubstumm bis seine Sprachkenntnisse gut genug waren. Selbst Polizisten, die mit ihm arbeiteten, bezeichneten ihn als Meister der Verwandlungskunst. Den Spitznamen “Das Chamäleon” verlieh er sich selbst, um seine immerwährende Metamorphose zu unterstreichen. Es ziert als Tattoo seinen rechten Unterarm.

GRAD Tipp: Der Fall Nicholas Barclay und Frédéric Bourdin wurde als The Imposter/ Der Blender verfilmt. Ein genaues Interview und detaillierte Angaben über die Person Frédéric Bourdins hat der Journalist David Grann für das Magazin The New Yorker geführt.

Von Helena Velaj
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