Brexit, Brexit, Brexit

Die Debatte um den Brexit ist eine, die sich zwischen Individualität und Pluralismus abspielt. Das Vereinigte Königreich hat sich dazu entschieden, die Europäische Union zu verlassen, doch dahinter steckt weitaus mehr als der Wunsch nach ein wenig mehr Souveränität in einer Welt der Kollektivität.

Von Helena Velaj
Am
Lesezeit 9 Min

In den letzten Jahren stieg die Anzahl an Beschwerden in Großbritannien: die Arbeitslosigkeit, die Gesundheitsversorgung (NHS), die Obdachlosen, die Wohnungspreise. Einwanderer*innen werden zum Sündenbock erklärt und für diese Entwicklungen verantwortlich gemacht.

Vor allem jene aus EU-Ländern, besonders Polen und Tschechen, werden von Populist*innen für die Belastung des Sozialsystems verantwortlich gemacht.

Somit wurde eine schlechte Grundstimmung vor dem Brexit-Referendum geschaffen und Versprechungen wie die Investition der wegfallenden EU-Mitgliedsgelder in das Gesundheitssystem NHS versprochen. Mit dem Austritt aus der EU würden alle Probleme wegfallen: Die Migrant*innen, das überlastete Sozialwesen und die angeblich verlorene Selbstbestimmung des Landes. Das Vereinigte Königreich würde zu alter Größe zurückfinden.

Die Erinnerung an ein Weltreich

Vor dem Zweiten Weltkrieg bestand das Vereinigte Königreich nicht nur aus Großbritannien und Nordirland. Es erstreckte sich über die ganze Welt. Nicht umsonst bezeichnete man es, wie auch das spanische Kolonialreich, als Weltreich, in dem die Sonne niemals unterging. Doch es fing an zu bröckeln.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Großbritannien stark verschuldet und musste zusehen wie der europäische Kontinent in ein amerikanisches und russisches Lager aufgeteilt wurden. Die Amerikaner stellten sich gegen den Imperialismus, tolerierten das “British Empire” jedoch aus Angst, dass sich kommunistische Regierungen durchsetzen würden, wenn man ihnen Unabhängigkeit gewähren würde. Die Abneigung gegen den Kommunismus war größer als die gegen ein Imperialreich. Doch auch diese Toleranz fand ein Ende: In der Suezkrise versuchte Großbritannien gemeinsam mit Frankreich und Israel einen Blitzkrieg auf Ägypten, das zuvor versuchte hatte die Sueskanal-Gesellschaft zu verstaatlichen und sich so aus dem britischen Einflussbereich zu entziehen. Der Militärschlag wurde jedoch von den USA und der Sowjetunion vor die UNO getragen und eine Fortsetzung der Operation wurde diplomatisch verhindert. Plötzlich wurde den ehemaligen europäischen Großmächten klar, dass sie künftig nicht mehr im Alleingang ihre Interessen durchsetzen können würden. Im Falle eines Konfliktes würden immer die Interessen der neuen Supermächte im Vordergrund stehen. Man war sich zuvor bereits  bewusst gewesen, dass die Tage des britischen Weltreichs gezählt waren und hatte versucht sich Schritt für Schritt zurückzuziehen. Das erste Land, das in diesem Zusammenhang Unabhängigkeit erlangte war Indien 1947. So verkleinerte sich das britische Kolonialreich Stück für Stück, bis es im Jahr 1997 endgültig nicht mehr existierte. Was übrig blieb, war der Commonwealth of Nations und die Erinnerung an das, was einmal war.

Ein Stück verlorene Identität

Mit dem Eintritt Großbritanniens in die EU war aus dem ehemaligem Weltreich plötzlich ein Mitglied in einer größeren Gemeinschaft geworden. In den Augen vieler Wähler war die vorherige Machtposition war zu einem Stimmrecht verkommen. Der Unmut über die angeblich fehlende Entscheidungsfreiheit wurde immer größer.

Die Identität der Briten setzte sich über lange Zeit durch ihre Überlegenheit gegenüber dem kontinentalen Europa zusammen. Im Gegensatz zum von Nationalismus durchzogenen kontinentalen Europa hatten sie den zweiten Weltkrieg besser als Kontinentaleuropa überstanden. Nationalismus gab es in Großbritannien laut den Briten nicht, es gab Royalismus und Imperialismus. Das giftige Wort Nationalismus wollte man nicht kennen. Doch mit dem Bruch des Empires sah man sich damit konfrontiert, dass man seinen Platz in einer zunehmenden globalisierten Welt erst finden musste.

Mit dem Ausstieg aus der EU soll nun die Zeit zurückgedreht werden. Zurück zu einer Zeit in der England noch eine Machtposition hatte und von der Insel aus in Europa mitmischen konnte ohne sich selbst ändern zu müssen.  

Politiker versuchen die komplizierten Verhandlungen mit der Europäischen Union in eine positive Aufbruchsstimmung und ein Zeitalter der wiedergefundenen Souveränität Großbritanniens zu wandeln. "Die EU zu verlassen, gibt uns die einzigartige Möglichkeit, unsere nationale Identität wiederherzustellen", sagte der für Einwanderung zuständige Staatssekretär Brandon Lewis.

Kleine Gesten wie die Wiedereinführung des blauen Reisepasses sollen die Abgrenzung zu Europa und die Rückkehr zu dem erhofften alten Glanz kennzeichnen. Es sind kleine Zugeständnisse mit großer Wirkung für das Brexit-Lager.

Gespaltener denn je

Die Sehnsucht nach der Rückkehr zum Empire zu stillen, wird von vielen als unmöglich angesehen. Schottland möchte den Austritt aus der Europäischen Union dazu nutzen, sich endgültig für unabhängig zu erklären. Wales und Nordirland könnten folgen. Mit dem knappen Ergebnis beim Referendum ist auch das Land an sich stark gespalten. Die Verhandlungen mit der EU erweisen sich als kompliziert und langwierig.

Aktuell sieht es danach aus, dass nach Ansichten der EU das Vereinigte Königreich auch nach dem Austritt an zahlreiche europäische Regelungen gebunden sein wird, jedoch ohne Mitbestimmungsrecht.

Die Idee des Brexit war die einer größeren Selbstbestimmung. Das Land sollte durch die Abkoppelung von Europa wieder stärker zusammenwachsen. Es sollte international wieder erfolgreicher agieren. Auf eigene Faust. Die Probleme der Unterfinanzierung des Sozialsystems sollten dadurch gelöst werden. Die Einwanderung aus den EU-Ländern gestoppt. Der Brexit wurde als Allheilmittel für sämtliche Probleme des Vereinigten Königreichs verkauft, doch momentan sieht es nicht danach aus.

Von Helena Velaj
Am
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