Bis dass der Tod euch vereine…

Was passiert, wenn auf Ahnenkult basierende Religionen und stark konservative Familienwerte zusammentreffen? Geisterhochzeiten.

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 7 Min

In der Vorstellung vieler Chines*innen, die von einem komplizierten Mix aus Taoismus, Konfuzianismus und Buddhismus geformt ist, geht das Leben nach dem Tod in ähnlicher Form weiter wie zuvor. Die Geister der verstorbenen Familienmitglieder leben im Jenseits mit denselben Wünschen und Bedürfnissen wie zu Lebzeiten. Allerdings haben sie die Möglichkeit, ihre Verwandten in der Welt der Lebenden positiv oder negativ zu beeinflussen.

Fühlen sie sich vernachlässigt, können sie die Familie heimsuchen. Fühlen sie sich hinreichend geehrt, können sie sie mit Glück überschütten. Deshalb macht es Sinn, darauf zu achten, dass die Ahnen immer alles haben, was sie brauchen. Wenn zum Beispiel der Verdacht besteht, dass sich der Großvater im Jenseits grämt, ist es vielleicht an der Zeit, ihm Geld für den Sportwagen zu schicken, den er immer haben wollte. Wie das geht?

Ganz einfach: Geistergeld - also bunte Papierscheine, die echtem Geld nachempfunden sind und zu Ehren der Verstorbenen verbrannt werden. Und wenn es ein persönlicheres Geschenk sein soll? Vielleicht der Sportwagen selbst? Auch kein Problem! In diesem Fall kann man einfach eine Replik des gewünschten Gegenstandes verbrennen. Was aber, wenn die Probleme des zürnenden Vorfahren nicht von materieller Art sind? Was, wenn er zum Beispiel als Single verstorben ist?

Alles an seinem Platz.

Die chinesische Gesellschaft ist straff um die Familie herum organisiert. Nicht verheiratet zu sein, das wird wirklich überhaupt nicht gerne gesehen. Unverheiratete Männer werden als guang gun, als „nackte Äste“, bezeichnet, weil sie nicht zum Familienstammbaum beitragen, unverheiratete Frauen in ihren späten Zwanzigern gar als sheng nu, als „übriggebliebene Frauen“. Wenn jemand in diesem Zustand stirbt, ist das für die Hinterbliebenen doppelt schlimm: Sie müssen nicht nur davon ausgehen, dass ihr verstorbener Angehöriger oder ihre verstorbene Angehörige für alle Ewigkeit ein unglücklicher Single sein wird, sondern auch, dass er oder sie sich an der Familie, die darin versagt hat, in der Partnersuche behilflich zu sein, rächen wird. Die Lösung für das Problem ist mínghūn, eine Geisterhochzeit.

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In der Welt der Lebenden hat sich niemand gefunden, also muss man die Suche nach Eheglück nun in der Welt der Toten fortsetzen. Die Familien der Verstorbenen können sich dafür an einen Feng-Shui Meister wenden, der nach einem passenden, unlängst verstorbenen Single sucht. Wenn sich jemand findet und beide Familien einverstanden sind, kann es losgehen. In der einfachsten Variante werden dann zwei Figuren der künftigen Ehepartner hergestellt und in einer Zeremonie, die einer normalen Hochzeit sehr ähnlich ist, vermählt. Die Familien haben daraufhin ein reines Gewissen und die Geister der Verstorbenen sind im Jenseits nicht allein. Eigentlich eine Win-Win-Situation, wenn es da nicht noch ein demographisches Problem gäbe: Bedingt durch die Ein-Kind-Politik gibt es in China einen massiven Überschuss an Männern, also sterben auch überproportional viele Männer als Singles. Das hat zu der absurden Situation geführt, dass in ruralen, konservativen Provinzen wie beispielsweise Shanxi oder Shaanxi, in denen Geisterhochzeiten noch aktiv betrieben werden, nicht nur lebende Single-Frauen knapp wurden, sondern auch tote. Fatalerweise sind es auch diese eher traditionalistischen Regionen, in denen oft noch darauf gepocht wird, dass beide Ehepartner auch bei einer Geisterhochzeit physisch anwesend sind und dann gemeinsam bestattet werden sollten. Für eine solche Zeremonie eine geeignete Kandidatin zu finden und auch noch die Zustimmung ihrer Familie zu bekommen, ist wesentlich schwieriger. An dieser Stelle kommt auch der Leichenhandel ins Spiel.

Die Schattenseite...

Leichenhandel ist naheliegender Weise illegal in China, aber wo es starke Nachfrage gibt, finden sich früher oder später auch Anbieter. Seien es Leichenhäuser, die Frauenleichen, auf die niemand Anspruch erhebt, verkaufen oder Banden, die aktiv Frauenleichen von Friedhöfen rauben. Vereinzelt wurde für Geisterhochzeiten sogar gemordet. Frauen waren von Anfang an am schlimmsten durch die Ein-Kind-Politik beeinträchtigt und haben es generell nicht leicht in der stark patriarchalen Gesellschaft Chinas, aber diese Übergriffe, vor denen nicht einmal der Tod schützt, stellen einen traurigen Höhepunkt dar.

Von Gregor Schwayer
Am
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