Bildung wird eher vererbt als die Körpergröße

Es ist ein Sonntag Mitte September und im österreichischen Fernsehen wird über Integrationsprobleme im Klassenraum diskutiert. Anlassfall zur Zusammenkunft der Talk-Runde ist ein von einer Lehrerin veröffentlichtes Buch über ebendiese Thematik. „Kulturkampf im Klassenzimmer“ heißt die viel besprochene Abrechnung mit den Zuständen in Schulen, insbesondere in Städten.

Von Franziska Windisch, Katharina Kulesza
Am
Lesezeit 9 Min

Dass Bildung und Migration zwei Themenfelder sind, die nicht selten gemeinsam betrachtet und dann oft in einem Atemzug zu einem riesengroßen, unumstößlichen und hochgefährlichen Problem gemacht werden, haben wir an anderer Stelle schon mal besprochen. Um „Kulturkämpfe im Klassenzimmer“ verstehen zu können, muss man sich nämlich nicht nur mit dem Islam, mit Migration und Integrationsmaßnahmen auseinandersetzen, sondern sich ganz allgemeine Fragen zu Bildung in der Gesellschaft stellen. Diesen Input liefert auch die Journalistin Melisa Erkurt, die Sonntagabend zum Fernsehtalk geladen wurde. Sie gibt zu bedenken: „Was mir ein bisschen zu kurz kommt, ist die soziale Frage. Bildung wird in Österreich immer noch vererbt. Arbeiterkinder werden Arbeiter. Und Muslime und Migranten kommen größtenteils aus bildungsfernen Elternhäusern.“

Die soziale Frage

Stellen wir also die soziale Frage. Die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, vergleicht immer wieder die Bildungssituation in ihren Mitgliedsländern und erstellt sogenannte Länderprofile. Grundtenor ist dabei - in Bezug auf Österreich, aber zum Beispiel auch in Bezug auf Deutschland - die geringe Bildungsmobilität. Was bedeutet das? Unter Bildungsmobilität versteht man den Aufstieg, Abstieg oder den Stillstand des Bildungsabschlusses im Vergleich zum Bildungsabschluss der Eltern bzw. der Erziehungsberechtigten. Wird der Erfolg des Einzelnen in Sachen Schule vor allem von dem Bildungshintergrund der Eltern definiert und bleiben Arbeiterkinder in den meisten Fällen Arbeiter, wie Melisa Erkurt meint, dann spricht man von Bildungsvererbung.

Haben Kinder einen höheren Bildungsabschluss als ihre Eltern, so spricht man von einem Bildungsaufstieg. Dass es dazu kommt und Kinder in weiterer Folge oft auch mehr Geld verdienen und ein sichereres Leben führen, das ist ein wichtiges bildungspolitisches, aber auch ein wirtschaftliches Ziel. Den Berechnungen der OECD zufolge schneidet hier Österreich aber besonders schlecht ab. Nur 21 Prozent der jungen Erwachsenen haben einen höheren Abschluss erreicht als ihre Eltern. Das ist der niedrigste Wert im OECD-Vergleich. Und das, obwohl auch die Akademiker*innenquote besonders niedrig ist. Vorne liegen Staaten wie Korea, Polen oder Finnland, den vorletzten Platz macht Deutschland.

Höherqualifizierung, aber nicht für alle

Die Verlautbarung dieser Zahlen und die Kritik am Bildungssystem, die damit dann oft einhergeht, wird von vielen Seiten infrage gestellt. Die Statistik der OECD, so heißt es, liefere ein falsches Bild. Ein Ländervergleich sei schwierig, gerade weil man den Schulsystemen und den verschiedenen Abschlüssen, die es gibt, nicht gerecht werden kann. Außerdem läge doch der Anteil der Studierenden, die keinen Elternteil mit akademischen Abschluss haben, bei 67 Prozent. Immerhin ein internationaler Spitzenwert. Kein Grund zur Sorge also? Nein, berichtet, das Bundesinstitut für Bildungsforschung in Österreich, aber auch das deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. Logischerweise ist der Anteil an Studierenden, die keine Eltern mit tertiären Bildungsabschlüssen haben, in Ländern höher, in denen die Akademiker*innenquote sehr gering ist. Dass insgesamt eine Höherqualifizierung der jungen Erwachsenen zu beobachten ist, auch das zeichnet sich selbstverständlich ab. Was sich aber dennoch zeigt, ist, dass nicht von Chancengerechtigkeit gesprochen werden kann, wenn österreichische Kinder, deren Eltern lediglich über einen Pflichtschulabschluss verfügen, nur zu fünf Prozent einen akademischen Bildungsabschluss erreichen. Oder, dass in einer Untersuchung in Deutschland, in der die Ausbildungswege von Geschwistern verglichen werden, berechnet wird, dass sich Geschwister in ihrer Bildungsbiographie ähnlicher sind als beim Faktor der genetisch gesteuerten Körpergröße. Dass also nicht alle Kinder auf einem ebenen Fußballfeld spielen, es nicht lediglich um das eigene Hirnschmalz geht, sondern die familiäre Situation, also sogenannte „Umweltfaktoren“ eben doch eine große Rolle spielen. Aber wie kommt es überhaupt dazu?

Ausschlaggebende Faktoren

Da gibt es zum einen individuelle Merkmale, die eine große Rolle spielen, also diese zuvor erwähnten „Umweltfaktoren“. Kommt es zu einer Häufung ebendieser und einer Konzentration von Schüler*innen mit Risikofaktoren in bestimmten Klassen, Schulen oder Schultypen, dann spricht man auch von kollektiven Faktoren und Segregationstendenzen, die man beobachten kann. Das sind viele Begriffe, die erstmal eingeordnet werden müssen. Was beeinflusst also neben dem Fähigkeits- und Leistungsniveau den Erfolg eines Schülers bzw. einer Schülerin im vorherrschenden Bildungssystem? Das ist zum einen einmal der sozioökonomische Hintergrund der Eltern. Haben die Eltern mehr Geld, so können sie Nachhilfe finanzieren, sie können für die Kinder zuhause Lernräume schaffen, in denen sie ungestört arbeiten können, die Kosten für eine hochwertige Betreuung aufbringen oder sich längere Karenzzeiten leisten. Dazu kommen natürlich auch noch ethnisch-kulturelle Aspekte und der Bildungshintergrund der Eltern. Sprechen Mama und Papa sehr gut Deutsch und sind sie gut ausgebildet, so können sie ihre Sprösslinge im Zuge ihrer schulischen Laufbahn besser unterstützen. Auch die Ambitionen, die sie für ihre Kinder haben, sind oftmals wesentlich höher. „Im Vergleich mit den unteren Schichten präferieren Eltern hoher Sozialschichten aber bei deutlich niedrigerer Kompetenz ihres Kindes das Gymnasium“, so Thomas Spiegler, deutscher Soziologe und Experte für Bildungsfragen. Eltern ebendieser höheren Sozialschichten trauen ihren Kindern im Schnitt mehr zu und lassen sich von Leistungsmotiven leiten, während Eltern aus den unteren Schichten gegenteilig entscheiden. So gibt es einen Unterschied zwischen dem Können, dem Wollen, und dem Sollen. Letzteres trifft vor allem auf Schüler*innen aus höheren sozialen Schichten zu. Sie sollen in jedem Fall einen höheren oder zumindest denselben Bildungsstatus wie ihre Eltern erlangen. Dafür setzen sich diese auch ein. Geht man weiter nach unten, so wird aus dem Sollen bald ein Dürfen und letzten Endes eine schwer zu überwindende Hürde. Gerade Kindern aus niedrigeren sozialen Schichten ist ein Bildungsaufstieg oft schlichtweg untersagt. Eltern wissen wenig über die potentiellen Möglichkeiten, sie sind oft unsicher, ob sie ihren Kindern genügend Unterstützung zukommen lassen können und gehen dann auf Nummer sicher bzw. vertrauen den Empfehlungen von Lehrkräften blind.

Frühe Trennung

Als Folge dieser ganz verschiedenen Bedingungen, unter denen Kinder ihre Schullaufbahn bezwingen, gibt es Unterschiede in der sozialen und ethnischen Zusammensetzung von Schulen. Denken wir an die frühe Trennung von Schüler*innen im österreichischen, aber auch im deutschen Schulsystem. Gerade in Städten verstärkt sich dieses Phänomen. Da gibt es Schulen in Gegenden mit hohen Mietpreisen und einer gut ausgebildeten Anrainer*innenschaft und dann wiederum sogenannte Brennpunktschulen, wo viele Jugendliche zusammenkommen, die unter viel schwierigeren Bedingungen lernen müssen. Hinzu kommt der verstärkte Run auf Privatschulen. Zwar sind die Zahlen im internationalen Vergleich als sehr niedrig einzustufen, dennoch wird der Anteil an Schüler*innen, die gerade im urbanen Bereich auf Privatschulen gehen, immer höher. In Wien sind es gegenwärtig um die 17 Prozent an Kindern und Jugendlichen, die eine solche besuchen. Die Gründe dafür sind vielfältig: Eltern erhoffen sich bessere Zukunftschancen für ihre Kinder, sind beeindruckt von prestigeträchtigen Absolvent*innenlisten, nutzen Angebote wie Ganztagsbetreuung und wollen es oft verhindern, dass ihre Sprösslinge in heterogene Klassen kommen. Testergebnisse zeigen auch, dass Privatschüler*innen in der Regel bei Kompetenzchecks besser abschneiden, bezieht man die obengenannten Umweltfaktoren aber mit ein, die die Performance der einzelnen Schüler*innen beeinflussen, gleicht sich das Niveau jedoch durchgängig aus. Die Insel der Seligen suchen Eltern also auch an dieser Stelle wohl vergebens.

Wohnraumpolitik ist Bildungspolitik

Wie aber kann man Schule für alle Schüler*innen verbessern und Segregationstendenzen entgegenwirken? Immerhin hängen späterer Verdienst und Bildungsabschluss zusammen und ein gemeinsames Miteinander kann nur dann  funktionieren, wenn sich Kinder und Jugendliche (und damit einhergehend spätere Erwachsene) mit unterschiedlichem Background auch tatsächlich begegnen? Wie könnte man das Feld also ebnen? Für unterschiedliche Akteur*innen liefert der nationale Bildungsbericht hier verschiedene Inputs. Auf der systemischen Ebene wird die frühe Trennung der Schüler*innen im Alter von zehn Jahren infrage gestellt, außerdem wird eine sozialinduzierte Mittelvergabe, also mehr Geld für Schulen, die unter schwierigeren Bedingungen arbeiten, vorgeschlagen. Aber auch auf die Bedeutung von Wohnraumpolitik wird hingewiesen. Wenn Kinder unterschiedlicher ethnisch-kultureller und sozio-ökonomischer Herkunft in ganz verschiedenen Bezirken und Vierteln leben, so wirkt sich das selbstverständlich auch auf die Zusammensetzungen in den Schulen aus. Darüber hinaus sollte verstärkt in Elternarbeit investiert werden. Lehrer*innen und Schulleiter*innen sollen dabei unterstützt werden, Eltern darüber zu informieren, welche Möglichkeiten sie und ihre Kinder in Sachen Schule haben. Dabei sollen aber auch Eltern aus höheren Schichten motiviert werden, nicht schnurstracks den Weg in die Privatschulen zu suchen, sondern von den Perspektiven in anderen Schulen und Schultypen erfahren.  Einem Fußballspiel auf Augenhöhe, zum Beispiel.

Von Franziska Windisch, Katharina Kulesza
Am
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