Best of Grätzl

Unter den Städten von Weltrang nimmt Wien in Sachen Größe doch eher einen bescheidenen Rang ein. Trotzdem ist es groß genug, dass selbst eingefleischte Wiener*innen nicht jedes Grätzl kennen können und so unter Umständen seit Jahren ohne es zu wissen tagtäglich an waschechten Juwelen vorbeispazieren. Um etwas Abhilfe zu schaffen, präsentieren wir euch hier drei unserer Favoriten...

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 6 Min

Griechenviertel und Umgebung

Das nach den ehemals dort angesiedelten griechischen Händlern benannte Griechenviertel am Fleischmarkt hat nicht nur auf den ausgetretenen touristischen Pfaden viel zu bieten. Neben einigen noch originalen gotischen Fassaden findet sich hier auch der letzte erhaltene mittelalterliche Wohn- und Wehrturm Wiens versteckt im Innenhof der Griechengasse 7. Ähnlich wie die Türme San Gimignanos hat wohl auch er zugleich der Angeberei und der Abwehr des eventuell dadurch ausgelösten Neids gedient. Verlässt man den Fleischmarkt Richtung Postgasse und Schönlaterngasse windet sich der Weg durch enge dunkle Wege vorbei am Basiliskenhaus bis zum recht unscheinbaren Eingang des Heiligenkreuzerhofs. Von hier bietet sich ein Abstecher auf den Doktor-Ignaz-Seipl-Platz an, um den Gebäudekomplex der alten Universität zu besuchen. In den Gebäuden finden sich heute neben der Akademie der Wissenschaften vor allem Archive und Verwaltungskapazitäten der Uni Wien. Auch ein Sprung in die Jesuitenkirche lohnt sich. Wer nach einem Blick an ihre Decke erst einmal verdutzt von der mächtigen Kuppel ist – die hätte einem doch von außen auffallen müssen? – kann beruhigt sein. Es handelt sich um eines der Paradebeispiele von sogenannter Trompe-l’œil („täusche das Auge“) Malerei, die eindrucksvoll Dreidimensionalität vorgaukelt.

Servitenviertel

Das Servitenviertel rund um die Servitenkirche im neunten Bezirk hat ein ganz eigenes Flair. Die breite, üppig begrünte Servitengasse ist über weite Strecken verkehrsberuhigt und übersäht mit Cafés, Restaurants und Bars, die im Sommer fast durchwegs Außenbetrieb haben. Das Spezielle am Servitenviertel ist, dass es sich von seiner Umgebung abhebt. Es wirkt in sich geschlossen und heimelig. Am geradezu provokant idyllischen Platz vor der Servitenkirche wird aber auch an die Vorkommnisse im Viertel zur Zeit des NS-Regimes erinnert. Schräg vis-à-vis dem Kircheneingang findet sich aber eine Kunstinstallation. Unter eine Glasplatte in den Boden eingelassen sind Hausschlüssel mit Namen ehemaliger jüdischer Bewohner*innen des Viertels, die Naziverbrechen zum Opfer gefallen sind. Die Nachbarschaft war stark jüdisch geprägt, deshalb finden sich hier auch besonders viele Stolpersteine.

Seitengassen der Josefstädterstraße

Wie angedeutet, geht es weniger um die Josefstädterstraße selbst, sondern um das liebenswerte Gassengewirr, das von ihr ausgeht. Das hat nämlich richtig viel zu bieten! Beispielsweise die Lenaugasse. Traumhaft schöne Häuserfassaden, alte Bäume und so knapp an einer Einkaufsstraße völlig unerwartete Ruhe laden dazu ein, eines der vielen Lokale zu besuchen und einfach zu entspannen. Als Bonus findet ihr hier neben dem bereits von uns empfohlenen Eiles auch die Curry Insel, wo ihr einige der besten Curries der Stadt bekommt! Spaziert ihr die Gasse weiter, kommt ihr zum Schlosserplatzl und dem dortigen Stock im Eisen der Schlosserzunft. Er ist weitaus weniger bekannt als sein Cousin am Stephansplatz, allerdings ist er nach wie vor in Verwendung!

Ein Stück weiter stadtauswärts findet sich neben dem Theater in der Josefstadt die Piaristengasse. An sie geschmiegt findet sich malerisch vor der Piaristenkirche der Jodok-Fink-Platz. Im Sommer kann man hier beispielsweise im Schatten riesiger alter Bäume ausgezeichnete Pizza der Pizzeria Il’Sestante essen. Wer eher Lust auf Crêpes oder Galettes hat und es noch ruhiger mag, spaziert die Maria-Treu-Gasse hinunter und kehrt im Café der Provinz ein. Kultiges französisches Bistrofeeling samt authentischer Musik und ausgezeichnetes Essen, das allerdings manchmal durchaus etwas länger braucht.

Wenn es noch grüner und vegan sein soll, dann lohnt es sich, noch ein Stück weiter stadtauswärts bis zum Hamerlingplatz zu gehen. Dort befindet sich direkt vis-à-vis vom Park das Deli Bluem, das mit seinem bunten Angebot durchaus auch für Nicht-Veganer*innen interessant ist. Geht man nun die angrenzende Skodagasse hinunter und hält den Blick nach schräg links oben, sieht man einen der am üppigsten bewachsenen Balkone Wiens. Klingt unspektakulär, aber der/die Besitzer/in macht sich wirklich unglaubliche Mühe und das Ergebnis ist wirklich sehenswert. Die Skodagasse ist auch ein Beispiel gelebten Grätzltums – jedes Jahr findet hier unter reger Beteiligung der Anwohner*innen das Skodagassenfest statt, an dem sich auch regelmäßig das seit über einem Vierteljahrhundert bestehende Kultbeisl Debakel beteiligt. Danke Wolfi!

Von Gregor Schwayer
Am
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