Besser bauen mit Zukunft

Betritt man das Bonner Studentenwohnheim in der Karl-Frowein-Straße 4 ist man höchstwahrscheinlich überrascht. Es entspricht so gar nicht den Vorstellungen einer gewöhnlichen Studentenbude. Der fünfgeschossige Holzbau umfasst 32 äußerst komfortable Wohnungen, ist mit einer 30 bis 40 Zentimeter dicken Zelluloseschicht gedämmt, verfügt über eine eigene Lüftungsanlage und produziert mehr Energie als es braucht - ein ökologisches Leuchtturmprojekt. Das Studentenwohnheim ist auch eines jener Projekte, die bei der COP23, der UN-Klimakonferenz in Bonn, von zahlreichen Teilnehmer*innen besucht wurden. Denn nach der Unterzeichnung des Pariser Klimaabkommens und unter Berücksichtigung der ambitionierten Klimaziele der europäischen Union steht auch die Frage nach nachhaltigem Wohnen wieder hoch im Kurs.

Von Franziska Windisch
Am
Lesezeit 10 Min

Sie brauchen Platz, ihr Bau, aber auch ihre Instandhaltung und Heizung sind ressourcenintensiv – Gebäude spielen im Klimaschutz eine wichtige Rolle. Möchte man nachhaltig bauen, gibt es zahlreiche Aspekte auf die geachtet werden sollte:

Es ist wichtig, den Flächenverbrauch so gering wie möglich zu halten. Denn der Boden, auf dem unsere Häuser stehen, kann nicht anderwertig genutzt werden, vielmehr bringen die Gebäude den Wasser- und Artenhaushalt des Bodens total durcheinander. Auch die Baumaterialien, die zum Hausbau verwendet werden, sind in ihrer Gewinnung und Produktion oftmals sehr ressourcenintensiv. Je langlebiger sie sind, desto besser. Wer seltener renovieren muss, spart nicht nur Geld, sondern auch Energie. Wie energieeffizient, also wie sparsam im Energieverbrauch, ein Gebäude ist, das hat auch viel damit zu tun, wie es gedämmt ist, welche Möglichkeiten der Energiegewinnung es bietet oder auch wie mit Abfallaufkommen umgegangen wird. Gerade die Nutzung von Solarenergie hat sich mittlerweile etabliert. Sowohl in Deutschland, als auch in Österreich, wird viel getan, damit Solarpanels auch auf größeren Wohnhäusern leichter genutzt werden können. Erst vor kurzem kam es zu einer Gesetzesveränderung, die das Nützen von Solaranlagen auf großen Wohnhäusern vereinfacht. Doch nicht alles bewegt sich in eine nachhaltigere Richtung…

Faktor Einfamilienhaus

Zwar haben sowohl Österreich, als auch Deutschland relativ hohe Gebäudestandards, die hohe Einfamilienhausdichte in Streulage ist dennoch ein großes Problem. Was bedeutet das?

Es wohnen immer weniger Menschen in immer größeren Häusern und das immer großflächiger verteilt. Während Ortskerne tendenziell aussterben, entstehen an Stadt- und Dorfrändern Siedlungen mit überdimensionalen Fertigteilhäusern. Laut ÖGUT, der österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik, lebten von den 8,3 Millionen Einwohner*innen Österreichs 2006 4,2 Millionen in Wohnungen in 2,0 Millionen Gebäuden. Gegenüber dem Jahr 1951 kam es zu einem Gebäudezuwachs von 131 Prozent, einem Wohnungszuwachs von 96 Prozent, aber einem Bevölkerungszuwachs, der lediglich bei 19 Prozent liegt. Laut Erhebungen der Statistik Austria existierten 2012 1,3 Millionen Einfamilienhäuser.

Die ressourcenintensivste Wohnform ist das Einfamilienhaus. Das fängt beim Flächenverbrauch an. Während auf einem Hektar Fläche circa 10 bis 20 Einfamilienhäuser Platz haben, können Wohnhäuser mit mehreren Stockwerken  auf der gleichen Fläche 60 bis 100 Wohneinheiten beherbergen. Gerade weil Einfamilienhäuser oft nicht zentral gebaut werden, sondern in Streulage liegen, müssen die Baugründe erst erschlossen werden, Straßen gebaut, und Wasserleitungen gelegt werden. Bei diesen Faktoren spricht man von „grauer Energie“, also der Energiemenge, die für die Herstellung von Baustoffen inklusive Rohstoffgewinnung, für Transporte und Gebäudeerrichtung und für die Entsorgung benötigt werden. Einfamilienhäuser brauchen mehr als das doppelte an „grauer Energie“. Raumplaner*innen fordern schon lange, dass genau hingeschaut wird, wenn Baugründe vergeben und Gemeinden erweitert werden.

Vom Neubau zur Sanierung

Eine EU-weite Gebäuderichtlinie, die ab 2020 in Kraft tritt, setzt gewisse ökologische Standards bei Neubauten voraus. Viele „Häuslbauer“ gehen noch weiter und setzen auf das „Passivhaus“. Passivhäuser funktionieren nach dem verlustminimierenden Konzept, was bedeutet, dass ihre Form und ihre Hülle so konzipiert sind, dass wenig Heizenergie benötigt wird. Dieses Konzept ist nicht nur ökologisch, die geringen Heizkosten freuen auch das Haushaltsbudget. Seit ein paar Jahren gibt es auch das erste Passivhaus in Dubai, in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Da hier ganz andere klimatische Bedingungen herrschen, sind sowohl die technischen Anforderungen und die praktischen Ansprüche andere als in Westeuropa. Zu Forschungszwecken wurden deshalb drei verschiedene Kühlungssysteme installiert: die Zuluftkühlung bzw. –entfeuchtung, die Umluftkühlung und die Bodenkühlung.

Neben den Neubauten sind es aber vor allem Sanierungen, die eine große Rolle spielen. Hier Geld zu investieren zahlt sich langfristig in jedem Fall aus und leistet – so Expert*innen –  einen großen Beitrag zum Erreichen der europäischen Klimaziele. Gerade ein langlebiger Bereich wie die Baubranche, kann hier zukunftsweisende Schritte setzen. Denn wer heute ordentlich baut, profitiert davon lange. Gerade weil sich die Gesetzeslage hier auch ändert und neue Standards zur Norm werden, kann ein Setzen auf Altbewährtes längerfristig teuer kommen und Umbauarbeiten zur Folge haben. Übrigens: Auch das Bonner Studentenheim erfüllt die Passivhausstandards. Aktuell ist sogar ein Zimmer frei, sollte jemand auf den Geschmack gekommen sein..

Von Franziska Windisch
Am
Lesezeit 10 Min

Follow

X

Zum Newsletter anmelden

* indicates required

Please select all the ways you would like to hear from GRAD:

You can unsubscribe at any time by clicking the link in the footer of our emails. For information about our privacy practices, please visit our website.

We use Mailchimp as our marketing platform. By clicking below to subscribe, you acknowledge that your information will be transferred to Mailchimp for processing. Learn more about Mailchimp's privacy practices here.