Aus der Mitte entspringt die Ungleichheit

Das Thema der Ungleichheit wird vor allem seit der Finanzkrise von 2008 immer öfter öffentlich diskutiert. Die USA und der Süden Europas wurden von dieser viel stärker betroffen als Länder wie Österreich und Deutschland. Dennoch blies sie politischen Wind in die Segel und befeuerte den Diskurs der Ungleichheit neu.

Politiker*innen von nah und fern haben sich des Themas angenommen und versprechen Hilfe, doch es gibt Fragen: Was wird unter Ungleichheit verstanden? Wen betrifft sie? Und warum fühlt sich gerade die Mittelschicht so betroffen?

 

Von Helena Velaj
Am
Lesezeit 7 Min

Was ist Ungleichheit?

Ungleichheit gibt es in verschiedensten Formen. Es gibt die Ungleichheit zwischen Geschlechtern. Ungleichheit bei der Leute mit heller Hautfarbe eher eine Arbeitsstelle erhalten als Leute mit dunkler Hautfarbe. Es gibt auch Bildungsungleichheit, bei der manche eher Zugang zu höherer Bildung haben als andere.

Die finanzielle Ungleichheit basiert auf sozialen Schichten. Diese basieren wiederum auf Gütern aller Art, finanziell sowie kulturell. Ein kulturelles Gut ist beispielsweise die Bildung. Jemand aus einer hohen sozialen sowie finanziellen Schicht besitzt hohe finanzielle und kulturelle Güter. Die Mittelschicht besitzt traditionell das Gut Bildung und baut stark auf deren Ausbau auf und die unteren sozialen Schichten besitzen oftmals weder noch. Natürlich ist das nur ein grober Umriss, wie er vom Soziologen Max Weber skizziert wurde, und das Problem der Ungleichheit hat viele, viele Facetten mehr, die sich ineinander verweben und oftmals schwer einzeln greifbar zu machen sind.
In Österreich war im Jahr 2004 die Hälfte des Vermögens bei 10 Prozent der Bevölkerung angesiedelt. Im Jahr 2010 war es nur noch bei 5 Prozent konzentriert. Die andere Hälfte der Bevölkerung hält hingegen nur zwei Prozent des Vermögens. Es ist unheimlich schwierig für jemanden aus den restlichen 95 Prozent der Bevölkerung ihr oder sein Vermögen auch nur ansatzweise so stark zu erhöhen, dass ein Aufstieg in die genannten oberen fünf Prozent gelingt.

Wen betrifft sie stärker?

Allgemein betrifft die Ungleichheit Leute aus einkommensschwachen Schichten stärker, da es für sie auch praktisch unmöglich ist, einen finanziellen Aufstieg zu erzielen.

Doch auch Frauen, Studenten, Migranten, Einpersonenhaushalte oder Familien ab drei Kindern sind einem erhöhten Risiko ausgesetzt, in eine einkommensschwache Schicht abzurutschen. Vor allem Frauen sehen sich in einer misslichen Lage, in der sie oftmals eher in einer Gewaltbeziehung oder in einem prekären Arbeitsverhältnis bleiben, als sich einer möglichen Wohnungslosigkeit zu stellen, denn auch die Wohnpreise sind teurer geworden.

Laut Gini-Index ist die Ungleichheit in Österreich kaum gestiegen, jedoch gibt es hier wenige ökonomische Daten, um sich die Konzentration der Gehälter anzusehen.

Global jedoch sind Einkommensteuersätze für Höchstverdienende seit 1980 gesunken.

Der Ökonom Thomas Piketty gibt in seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ eben diesen niedrigeren Steuersätzen die Schuld daran, dass das Einkommen bei den Topverdienern so rapide gestiegen ist. Bei hohen Steuersätzen lohnte es sich früher nicht, Summen im sechsstelligen Bereich auszuzahlen. Wenn man sich im Fall Österreich die Besteuerung der Einkommen ansieht, sieht man, dass die Einkommensteuer bis zum Jahr 2015 für alle Gehälter über 60.000 Euro jährlich bei 50 Prozent nivelliert wurde und keine Anpassung an Gehälter in Millionenhöhe stattfand. Diese wurde mit der Steuerreform von 2015/16 zwar für Millionengehälter auf 55 Prozent angehoben, jedoch nur zeitlich begrenzt bis 2020.

Zudem kommt, dass Gehälter zwischen 18.000 und 25.000 Euro mit 35 Prozent besteuert werden, also einem relativ hohen Einkommensteuersatz bei einem Gehalt mit dem ein Großteil der Bevölkerung auskommen muss.

Quelle: Bundesministerium für Finanzen, Österreich: https://www.bmf.gv.at/steuern/selbststaendige-unternehmer/einkommensteuer/est-steuertarif.html#heading_Steuertarif (Stand: November 2018)

Was hat die Mittelschicht damit zu tun?

Die Forschung ist sich uneinig, was genau zur Mittelschicht gehört und was nicht. Viele Studien basieren auch auf Selbsteinstufung, so dass es dazu kommen kann, dass Leute sich der falschen Gruppe zuordnen. Traditionell besitzt die Mittelschicht ein hohes Maß an kulturellen Gütern (Bildung beispielsweise) und nicht so sehr an finanziellen. Durch Bildung erhofft man sich einen gut bezahlten Job und somit Aufstieg in eine einkommensstärkere Schicht.

In Österreich haben sich die Berufspositionen seit der Jahrtausendwende verschlechtert, dennoch fühlen sich viele Leute noch der Mittelschicht zugehörig, obwohl sie eigentlich bereits in einer einkommensschwächeren sozialen Schicht sind. Zum einen vermuten Soziologen, dass in vielen Haushalten beide Partner erwerbstätig sind und sich finanzielle Einbußen besser abfedern lassen, als bei nur einem arbeitenden Partner. Zum anderen gehen sie davon aus, dass das auch mit der negativen Berichterstattung über die Finanzkrise in Südeuropa einhergeht. Durch die ständige Erinnerung daran, dass die Bevölkerung im Süden Europas tatsächlich armutsgefährdet ist, findet in der Wahrnehmung der Bevölkerung hier eine Selbstzuordnung in höhere finanzielle Schichten statt.

Sieht man jedoch von der subjektiven Wahrnehmung ab, ist die Mittelschicht finanziell verwundbarer geworden. Die Armutsrate ist in Österreich zwischen dem Zeitraum 2004 bis 2013 um 2 Prozent gestiegen. Die steigenden Wohnungspreise am privaten Sektor erschweren die Situation und der kommunale Wohnbau kann das entstehende Problem nicht alleine lösen. Da die Politik gerne um die Mitte buhlt, wird hier aktiver Wahlkampf betrieben, der sich oftmals nicht mit der Sachlage befasst, sondern mit großen Versprechen, um die Wählergunst kämpft. Eine Zunahme der Ungleichheit bedroht letztendlich die Wirtschaft und die Demokratie.

Von Helena Velaj
Am
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