Angst als Alltag

Angststörungen stehen heute viel mehr im öffentlichen Bewusstsein, als noch vor 10, ja sogar vor 5 Jahren. Das ist gut und wichtig so, bis zu 40 Prozent aller Menschen erleben zumindest eine Panikattacke in ihrem Leben, 3 bis 6 Prozent eine ausgewachsene Panikstörung.

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 7 Min

Die Art und Weise, wie mit ihnen beispielsweise auf Social Media umgegangen wird, ist aber teilweise sehr zu hinterfragen. Von Youtubevideos à la „Mit diesen 5 Tricks verhindert ihr Panikattacken“ bis hin zu Gifs auf Funsites, die den idealen Atemrhythmus zur Vermeidung von Angstzuständen abbilden wollen, reicht die erstaunlich weite, bis in alle Medien dringende Palette. Wie sehr, beziehungsweise ob die angepriesenen Methoden helfen oder ob sie sogar schädigen, liegt dabei völlig im Dunkeln. Angst- und Panikstörungen sind ernstzunehmende Krankheiten. Wenn man sich das Bein bricht, geht man auch zum Arzt und konsultiert nicht auf 9gag das neueste Gif von mememasta69 zum Thema Beinschienen. Genau so sollte es auch mit Panikattacken sein.

Was ist eine Panikstörung?

Das zentrale Symptom einer Panikstörung ist die Panikattacke. Ein akut oft durch ein oberflächliches körperliches Symptom ausgelöster Angstzustand, der sich schrittweise verschlimmert, bis er normalerweise nach etwa 20-30 Minuten, teils aber auch erst nach einigen Stunden abklingt. Wenn sich diese Panikattacken in einem Zeitraum von einem Monat wiederholen oder die Sorge vor einer weiteren Panikattacke in dieser Zeit nicht verschwindet, spricht man von einer Panikstörung. Unbehandelt dauern Panikstörungen im Schnitt bis zu 7 Jahre. Meine wurde ich in etwas weniger als einem Jahr los. Deshalb möchte ich anhand meiner Erfahrungen eine Lanze für den einzigen Tipp im Umgang mit Panikattacken  brechen, den ihr wirklich braucht: Geht zum Arzt.

Begonnen hat alles sehr „normal“ bei mir, sofern man bei diesem Thema davon reden kann. Ein normaler Sonntagvormittag, wenig geschlafen, etwas lädiert von einer Feier am Vorabend. Nach dem Frühstück leichtes Herzrasen. Erste Besorgnis setzt ein. Brustschmerzen, kribbeln in den Armen. Das war der Moment, in dem mir das erste Mal kam, dass das auch Symptome für einen Herzinfarkt sein können. Die Folge war natürlich noch mehr Nervosität. Anruf bei der Familie – keine Risiken eingehen, sofort Rettung anrufen. Die darauffolgende Erfahrung mit den Sanitätern hat für mich mit die Schienen gelegt, in der folgenden Zeit das Richtige zu tun. Die 5 Minuten bis der Rettungswagen da war, waren geprägt von zwei Emotionen: Angst und Scham. Was, wenn nichts ist? Was, wenn ich jetzt vier Rettungssanitätern die Zeit stehle, weil ich mich in etwas hineinsteigere? Halten die mich für verrückt? Nichts davon trat ein. Die Herren vom Wiener Roten Kreuz waren ruhig, mitfühlend und hatten eine gesunde Portion Schmäh. Nachdem sie nichts feststellen konnten, schärften sie mir noch ein, dass ich mir wegen des falschen Alarms keine Sorgen machen soll – zehn davon wären ihnen lieber, als ein echter Herzinfarkt, der zu lange mit dem Anruf wartet – und, dass ich zum Arzt gehen soll. Ein Rat, den ich bereits am Tag darauf befolgt habe. Die Zeit danach war hart.

Panikattacken sind in meiner Erfahrung nicht das schlimmste an einer Panikstörung. Sie sind schlimm, schwere Panikattacken können bis hin zu Gefühlen von Dissoziation und totalem Kontrollverlust führen, aber sie sind zeitlich begrenzt und man entwickelt mit der Zeit eine merkwürdige Art von Routine im Umgang mit ihnen. Nicht Routine im Sinne von Kontrolle, sondern eine gewisse Apathie. „Ah.. here we go again..“. Wirklich schlimm sind die Mechanismen, die sich rundherum entwickeln. Die Ungewissheit, wann die nächste kommen wird und die Gewissheit, dass sie kommen wird, bestimmen das Leben. Aus Sorge, in der Öffentlichkeit eine Panikattacke zu haben, wird man immer mehr zum Eremiten. Dadurch bleibt noch mehr Zeit in sich hineinzuhören, noch weniger Ablenkung, noch mehr Fokus auf die Krankheit. Außerdem besteht die Gefahr, dass in der Zeit die sozialen Kontakte verkümmern. Ich hatte das Glück, dass Freunde, Familie und Partnerin das aktiv nicht zugelassen haben.

Ein weiterer gefährlicher Aspekt ist die Scham. Mein Gefühlszustand während der Panikstörung ist fast nicht in Worte zu fassen. Ich hatte ihn davor nie und hatte ihn seitdem nie mehr. Eine Mischung aus tiefstem Misstrauen in den eigenen Körper, emotionaler Taubheit und der tiefsitzenden Angst, dass das jetzt Normalität sein könnte. Die Fremdheit dieses Zustands macht es so schwer, darüber zu reden und schürt die Sorge, als verrückt wahrgenommen zu werden. Psychische Erkrankungen haben immer noch ein gewisses soziales Stigma und man neigt dazu, sie zu verstecken. Deshalb ist auch die Tendenz zur Eigentherapie so hoch und das ist der Grund, warum unqualifizierte Tipps kontraproduktiv sind. Um Betroffenen vielleicht ein wenig diese Scham zu nehmen, möchte ich an dieser Stelle sagen, dass die häufigste Reaktion, die ich von anderen Menschen auf Panikattacken erlebt habe, ehrliche Empathie gemischt mit einer gewissen Ratlosigkeit war. Um den Vergleich mit dem gebrochenen Fuß zu wiederholen: Da schämt man sich ja auch nicht fürs Humpeln.

Durch permanente ärztliche Begleitung, viel Rückhalt aus dem Umfeld und dem aktiven Brechen der sich negativ verstärkenden Begleiterscheinungen war der Spuk nach etwa 8 Monaten wieder vorbei. Und ich hatte zu dem Zeitpunkt bereits die Nase gestrichen voll davon. Die Akkus waren leer sozusagen. Ich möchte mir nicht ausmalen, wie lange ich mich damit rumschlagen hätte müssen, hätte ich mir nicht Hilfe gesucht.

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 7 Min

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