Als die Zeit stehen blieb

8:16. Zu dieser Zeit blieben am 6. August 1945 in Hiroshima sowohl metaphorisch, als auch real die Uhren stehen. Metaphorisch, weil in Bruchteilen einer Sekunde zehntausende Menschen ausgelöscht wurden, real, weil die monumentale Explosion der ersten militärisch eingesetzten Atombombe der Welt den Moment auf den Zifferblättern der Uhren der Stadt für alle Zeit eingebrannt hat.

Von Gregor Schwazer
Am
Lesezeit 6 Min

Das Deutsche Reich war zu Beginn des Jahres 1945 bereits hoffnungslos in der Defensive und blickte der Niederlage in die Augen. Die Situation seiner japanischen Verbündeten war nicht ganz so düster, aber trotzdem mittelfristig aussichtslos. Der Großteil der Flotte war versenkt, die Luftstreitkräfte kaum noch existent, amerikanische Langstreckenbomber konnten mehr oder weniger ungehindert das japanische Kernland ins Visier nehmen und eine Invasion der Hauptinseln war für den Herbst geplant. Eigentlich konnte es nur eine Frage der Zeit sein, bis das japanische Kaiserreich die bedingungslose Kapitulation bekannt geben würde. Doch die kam nicht. Mehr noch, die Moral der japanischen Soldaten schien kaum angekratzt. Sie kämpften verbissen um jede noch so kleine Insel. Unter diesen Vorzeichen wurden die zu erwartenden Verluste für die Einnahme der Hauptinseln auf bis zu dreihunderttausend Mann geschätzt. Eine für die amerikanische Führung gänzlich inakzeptable Zahl. Es brauchte eine Waffe, die so furchtbar ist, dass sie den Krieg beenden würde. Und genau die stand kurz vor der Fertigstellung.

Bereits kurz nachdem 1938 die Kernspaltung entdeckt wurde, begann die Suche nach möglichen militärischen Anwendungsmöglichkeiten des Prinzips. Amerikaner und Briten verbanden ihre Kapazitäten hierfür im sogenannten “Manhattan Project”, in dem, angetrieben von der Sorge, von den Pendants der Achsenmächte – dem deutschen Uranprojekt und dem japanischen F-Projekt - überholt zu werden, fieberhaft an der ersten Atombombe gearbeitet wurde. Etwas mehr als zwei Monate nach der deutschen Kapitulation führten ihre Anstrengungen am 16. Juli 1945 zur ersten Detonation einer Atomwaffe überhaupt. Da deutsche Städte vor der Kapitulation als Ziele für die übrigen beiden aus dem Projekt hervorgegangenen Sprengköpfe durchaus in Erwägung gezogen wurden, entging Deutschland so nur um Haaresbreite einer nuklearen Katastrophe.

Japan hatte dieses Glück nicht. Während in der amerikanischen Führung die Frage, ob die neue Waffe eingesetzt werden sollte, mehrheitlich mit ja beantwortet wurde, war die Frage nach dem Wie wesentlich umstrittener. Es gab beispielsweise Überlegungen zunächst einmal einen unbewohnten Landstrich zu bombardieren, um die Wirkung zu demonstrieren oder zumindest ein klares Ultimatum zu stellen, das mit der nuklearen Zerstörung einer Stadt drohte. Erstere Idee wurde verworfen, die zweite verlor ihre Wirksamkeit, da nur mit „neuen, zerstörerischen Waffen“ gedroht wurde, was von Japan als Floskel abgetan wurde. Am 6. August folgte der Abwurf über Hiroshima. Die USA rechneten mit einer sofortigen Kapitulation, berechneten aber das Chaos nicht ein, das eine solche Katastrophe auslösen würde. Lange war der japanischen Führung nicht klar, was überhaupt passiert ist. Die Kommunikation mit der Region war komplett zusammengebrochen. Es dauerte drei Tage, bis japanische Militärs die Lage in einem Stabstreffen bewerten wollten. Zeitgleich mit diesem Treffen wurde die zweite Bombe über Nagasaki abgeworfen. Groben Schätzungen zufolge starben über zweihunderttausend Menschen entweder sofort oder in den Tagen und Wochen danach qualvoll an Verbrennungen oder Strahlenkrankheit – überwiegend und im Falle Nagasakis fast ausschließlich Zivilisten. Langzeitstudien zufolge kämpfen die Menschen in den beiden Städten noch heute mit erhöhten Raten an Krebserkrankungen aufgrund der Reststrahlung.

War ein so radikaler Akt der Zerstörung wirklich notwendig? Das Rennen um die Fertigstellung der ersten Nuklearwaffe und das Unwissen, wie weit die Projekte der Gegner waren, legte nahe, dass, wer immer die Bombe als erstes hätte, sie auch einsetzen würde. Aber rechtfertigt das die Bombardierung ziviler Ziele mit einer solchen Waffe? Die Frage ist bis heute umstritten. Japans Krieg in Südostasien war furchtbar. Die darin begangenen Gräueltaten belasten noch heute das Verhältnis zu vielen Anrainerstaaten wie China und den beiden Koreas. Der Angriff auf die Vereinigten Staaten in Pearl Harbor war hinterhältig und brutal und der Wunsch der USA, nicht noch mehr amerikanische Leben in einem Krieg zu verlieren, der faktisch bereits entschieden war, ist nachvollziehbar. Aber das schiere Ausmaß der Zerstörung und der Verlust von Leben in den beiden Städten wirft die Frage auf, ob irgendetwas sowas je rechtfertigen könnte. Deshalb macht es vielleicht mehr Sinn, zu fragen, ob die Wunden in den Beziehungen der beiden Länder verheilt sind.

Japan und die USA sind heute Verbündete und das Verhältnis ist gut, wenn auch noch vieles nicht aufgearbeitet ist. Am deutlichsten lässt sich das wohl dadurch zeigen, dass Japan sich genauso wenig für Pearl Harbor entschuldigt hat, wie die USA für Hiroshima. Trotzdem gibt es Zeichen, die Mut machen. 2016 besuchte Shinzo Abe als erster japanischer Premier Pearl Harbor und Barack Obama als erster amtsinhabender US-Präsident Hiroshima. Die Richtung stimmt.

Von Gregor Schwazer
Am
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