Alles neu im Pornohimmel?

Sexroboter, beschriebene Pornos für Sehbehinderte sowie Sexfilme als 3D-Erlebnis mit der Virtual-Reality Brille. In den letzten Jahren hat die Technisierung der Gesellschaft auch vor der Sexindustrie keinen Halt gemacht. Sie ermöglicht Konsument*innen, sexuell in bisher unbekannte Welten einzutauchen. Stehen die beschriebenen Entwicklungen tatsächlich für einen prägenden Wandel in der Pornoindustrie? Ein kleiner Streifzug durch die Verquickung von Pornographie und Gesellschaft.

Von Katharina Kulesza
Am
Lesezeit 7 Min

Meine ersten Berührungspunkte mit pornographischem Material empfand ich womöglich ähnlich wie zahlreiche andere Altersgenoss*innen. Eines Tages stieß ich zufällig auf einige pornographische Zeitschriften. Das Betrachten der Fotos löste in mir eine Mischung aus peinlicher Berührung und Neugier nach dem Unbekannten aus. Als Volksschulkind, das sich die Welt nicht erklären konnte, ließ ich die Zeitschrift Zeitschrift sein und ging meines Weges. Ein wenig später waren es Pornofilme, die mir meine Unbeholfenheit mit erwachsener Sexualität und Körperlichkeit nochmals klarmachten.  

In den Tiefen der pornographischen Welt war allerdings eines für mich klar: Es handelt sich um eine strenggeheime Angelegenheit. Denn Erwachsene sind immerzu bemüht, ihre wohlbehüteten Pornographien und deren Konsum vor dem Rest der Gesellschaft zu verbergen. Warum sonst werden Konsument*innen sowie Darsteller*innen von Pornographischem derart tabuisiert?

Porno 2.0

Zwischen den damaligen Erfahrungen und der gegenwärtigen Auseinandersetzung mit Sexualität und ihren Darstellungen ist viel Zeit verstrichen. Begegnungen mit dem anderen Geschlecht und rege Diskussionen unter Freund*innen häuften sich. Eine Frage bleibt trotzdem offen: Wird Pornographie heutzutage in der Öffentlichkeit offener behandelt als damals?  
Beurteilt man das große und leicht zugängliche Angebot an Pornos auf unzähligen Onlinekanälen und ihre technisierte Weiterentwicklung, dann ja. Denn Pornhub & Co. wissen wie sie weiterhin ein umfangreiches Publikum generieren können. Seit vergleichsweise kurzer Zeit ist es auch sehbehinderten Menschen möglich, auf Pornhub beschrieben Pornos zu lauschen. Eine neue Marktnische ist somit geboren. Auch auf den Hype um die Virtual Reality-Brille sprang Pornhub rasch auf. Konsument*innen können nun kurzerhand mithilfe der VR-Brille Sexfilme in 3D erleben - samt Surroundsystem versteht sich. Alle diese Entwicklungen deuten auf einen offeneren Umgang mit Pornographie in unserer Gesellschaft hin. Es scheint, dass dadurch endlich alle Geschlechter dieser Welt offener über ihre sexuellen Begierden sprechen könnten. Doch von einem tatsächlichen Ende ihrer Tabuisierung in der Öffentlichkeit kann nicht gesprochen werden.  

Das Männlichkeitsdilemma

Um das Verhältnis von Pornographie und Gesellschaft besser zu verstehen, blicken wir ein paar Jahre zurück. Besser gesagt in das Jahr 2005.  Der Soziologe und Sozialpsychologe Rolf Pohl befasst sich in diesem Jahr in seinem Buch „Feindbild Frau“ intensiv mit der Männlichkeits- und Geschlechterforschung. Ein wichtiges Stichwort in seinem Buch ist das sogenannte "Männlichkeitsdilemma". Dieses Dilemma würde unweigerlich auftreten, da wir alle in einer Gesellschaft leben, in der das „Männliche“ mit den Eigenschaften „stark“, „kontrollierend“ und „unabhängig“ assoziiert wird. Das Nicht-Männliche ist davon stark abgegrenzt und wird negativer bewertet. Zu den nicht-männlichen Verhaltensweisen zählen beispielsweise Körpersprache und Hobbies von Männern, die hierzulande gerne spielerisch als “schwul“ abgetan werden.  

Durch die wiederholte Abwertung des Nicht-Männlichen und die damit einhergehende Aufwertung des Männlichen werden bestehende ungleiche Geschlechterstrukturen weiterhin gestärkt. Für den Mann ist es wichtig, seine Männlichkeit und somit seine Stärke und Unabhängigkeit immerzu zu bewahren. Schon in der Jugend würde der junge Mann lernen, dass er seine Autonomie und Stärke gekonnt durch Sex beweisen könne. Diese Eigenschaften könnte er durch das häufige Wechseln von Sexualpartnerinnen am besten zur Geltung bringen. Denn sie schenken ihm die Anerkennung als sexuelles Subjekt. Jenes Bild hält sich nicht nur im Privaten, sondern macht sich auch in der Öffentlichkeit ganz gut. Man denke an das Bild des Casanovas, der von anderen Männern beneidet und von Frauen angehimmelt wird. Umgekehrt geht diese Logik nicht ganz auf.

Um Anerkennung zu erreichen, benötigt der Casanova Frauen. Das Streben nach seiner Unabhängigkeit mündet allerdings in einer sexuellen Abhängigkeit gegenüber der Frau. Es ist ein Paradoxon, in dem der Mann sich befindet. Diesen Zustand fasst Pohl als Männlichkeitsdilemma zusammen. Je abhängiger sich ein Mann fühlt, desto verstärkter verspürt er das Dilemma und möchte ihm entkommen. Und „solange es gesellschaftlich verpönt ist, dass Männer ihre Hilfsbedürftigkeit zugeben, kann sich das Gefüge nicht ändern“

Dieses Dilemma hat auch die Sexindustrie erreicht. Denn eines haben beschriebene Pornos, 3D-Sexfilme, Sexroboter und die sonst übrigen Millionen Videos und Waren der Sexindustrie gemeinsam: Sie erkennen den Mann als kontrollmächtiges, autonomes Subjekt an. Die Virtual Reality Aufnahmen zeigen den Blick durch die Kameraperspektive des Mannes. Es gibt menschengleiche, weibliche Sexroboter, die vom Konsumenten zur Vergewaltigung benützt werden können.

Und es gibt deine unendliche Fülle von Sex-Szenen, die die Potenz des Mannes in den Vordergrund stellen. Die Ausrichtung der Sex(film)industrie lässt sich schnell durchschauen. Salopp formuliert, dient hier die Frau als Mittel zum Zweck. Und der Zweck ist die Bestätigung der scheinbaren männlichen Kontrollmacht und Autonomie.

Frischer Wind

Aber Porno ist nicht gleich Porno. Das wissen auch Tristan Taormino und Erika Lust zu vermitteln. Gemeint sind pornographische Filme, die abseits der Mainstream-Pornoindustrie produziert werden. Am Werk sind zahlreiche Produzentinnen, Regisseurinnen und Kamerafrauen. Ziel dieser Pornos ist eine sexpositive Perspektive gepaart mit erotischen Komponenten zu bieten. Dies soll ein breiteres Angebot für alle schaffen, die mit dem „Mainstream-Porno“ nichts anfangen können. Außerdem spielen die Autonomie der Frau als sexuelles Subjekt sowie ihre sexuellen Wünsche eine ebenbürtige Rolle neben den Bedürfnissen der männlichen Darsteller. Einige Initiativen haben sich zur Aufgabe gemacht, Pornofilme nach feministischen Kriterien zu bewerten und ihre Produzentinnen wie Regisseurinnen für ihre Arbeiten auszuzeichnen. So verleiht das Toronto International Porn Festival jährlich und die PorYes auf europäischer Ebene alle zwei Jahre den Feminist Porn Award.

Porno für alle

Auf der einen Seite gibt es da die feministischen „Pornographie-Bewegungen“, die entgegen der Mainstreampornographie agieren. Sie eröffnen eine ganz neue Diskussion rund um Pornographie in der Öffentlichkeit. Auf der anderen Seite scheint die Mainstream-Pornoindustrie stetig extremere, abwegigere Pornovideos anzubieten. Wir Konsument*innen sind abgestumpfter, die Pornoplattformen wollen uns mehr Anreize bieten. Nicht umsonst erfreuen sich die Kategorien „Gangrape“ und „Stepdaughter/Stepfather“ heutzutage auf heimischen PCs großer Beliebtheit, während diese sexuellen Wünsche kaum über die Grenzen der Pornowelt hinaus thematisiert werden. Pohl würde wohl meinen, dass es ein Symptom des Männlichkeitsdilemmas sei und die Pornoseiten ihr Zufluchtsort sind.  Eine Diskussion darüber, wie wir zukünftig mit Pornographie umgehen wollen, muss alle Mal her!

Von Katharina Kulesza
Am
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